Qatar – ein Winteralptraum

Nun rückt es also unweigerlich näher, dieses Monster namens Fußball-WM in Qatar, Qatar 2022. Eigentlich ist zu diesem Thema schon alles gesagt und vor allem geschrieben worden, zu den Tausenden von Toten auf den Stadionbaustellen, den meist menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Arbeiter heute noch leben. Über den Staat Qatar an sich, eine absolute und damit totalitäre Monarchie, welche die Scharia als Hauptquelle seiner Gesetzgebung betrachtet, in der offen gelebte Homosexualität unter Strafe steht und die selbst unter erhärtetem Verdacht steht, den islamistischen Terrorismus zu finanzieren. Aber ich glaube, man kann all das gar nicht oft genug erwähnen, aufwärmen, den eventuell eher so semi-interessierten fußballaffinen Menschen jeden Tag und immer wieder aufs Butterbrot schmieren.

Zu Gast bei Freunden?

Aber da ich eigentlich nur ein zutiefst einfacher Fußballfan bin, interessieren mich halt auch Dinge, die eher einfacher, profaner, aber eben auch – zumindest für mich – relevanter Natur sind. Wie zum Beispiel die Frage aller Fragen, die Gretchenfrage: Was zur Hölle hat die von jedweder Moral verlassene FIFA damals dazu bewogen, zwei Weltmeisterschaften im Doppelpack an Russland und Qatar zu vergeben? Natürlich ist das eigentlich eine rhetorische Frage, denn deren Antwort lautet ganz offensichtlich: Geld. Und Korruption. Gier. Schon die Vergabe an Russland war ein unverzeihlicher Fehler, der diesem Verband heute eigentlich wie ein tonnenschwerer Boomerang auf die Füße fallen sollte. Russland, Qatar, zwei Länder, zwei Fußball-Weltmeisterschaften, die zuvorderst einzig und allein der Reputation des jeweiligen Landes in der Weltgemeinschaft dienen sollten und sollen. Dass sich das im Fall Russland heute vollumfänglich erledigt hat, steht außer Frage.

Und nun Qatar 2022, eine Fußball-Weltmeisterschaft in einer naturgemäß unwirtlichen Geröllwüste, in einem weiteren totalitären Staat, die schon vom Sommer in der Winter verlegt werden musste, weil ansonsten selbst ein erfahrener Mallorca-Reisender nach einem Tag nicht mehr geschwitzt hätte, da ihm ganz einfach der Schweiß ausgegangen wäre. In einem Land, welches mit Fußball so viel zu tun hat, wie ich mit Volleyball oder Australien mit dem Rodelsport. Und damit frage ich mich: Was kann einen halbwegs vernünftigen Menschen dazu bewegen, nun in dieses Emirat zu reisen, das eigentlich nur aus einer einzigen Wüste auf einer Halbinsel besteht? Ich meine, lassen wir, nur kurz in Gedanken, sämtliche Menschenrechtsverletzungen mal außen vor – was ist reizvoll an Qatar? Die schicken künstlichen Oasen, die zugegebenermaßen atemberaubenden Wolkenkratzer, ein weiteres Land auf einer imaginären To-Do-List abzuhaken? Irgendwas davon muss es ja sein, denn der Fußball, den wir kannten und eigentlich auch noch kennen, der kann es nun beim besten Willen nicht sein.

Der Fußball, den ich kenne, Turniere die ich erlebt und genossen habe, vor Ort oder im Fernsehen, die fanden in Mexiko, Italien, Spanien, England, Brasilien, Deutschland oder Frankreich statt. In Ländern, in denen man den Fußball liebt, in denen man ihn lebt und atmet. In denen er eine Tradition besitzt, unabdingbar zur Kultur des jeweiligen Landes gehört. Und da kann mir ein Herr Infantino von der FIFA so oft wie er will erzählen, dass diese WM in Qatar Menschen aus aller Welt verbindet, Menschen in Qatar dem Fußball zuführt und ganz allgemein eine tolle Sache ist respektive „die beste WM aller Zeiten“ wird. Ich glaube ihm nicht, kein Mensch auf diesem Planeten, der bei Verstand ist, glaubt noch diesem korrupten Clown. Die Fußball-WM in Qatar ist ein Verrat am Fußball, ein Verrat an den Menschen die diesen Sport lieben und ein Verrat am Menschsein an sich. Ich sage, behaupte hier jetzt nicht, dass ich diese Farce einer Weltmeisterschaft im Fernsehen vollumfänglich boykottieren werde. Denn manchmal ist der Geist willig, aber der Griff zur Fernbedienung leider intuitiv. Und am Ende möchte ich nicht als Heuchler dastehen, als Doppelmoralist. Aber jeder Mensch, der diese WM verfolgt, sei es vor Ort als Tourist oder als Beteiligter, als Berichterstatter welcher Art auch immer, oder nur zu Hause am Fernseher, mit Kartoffelchips und Dosenbier, der sollte sich darüber im Klaren sein, dass dieses Turnier ein einziger Fehler ist, wahrscheinlich der größte Fehler in der Geschichte des Fußballs.

6 Kommentare zu „Qatar – ein Winteralptraum“

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