Berlin Calling


Vorab: Dieser Text entsteht allein auf der Grundlage meiner Erinnerungen; aufs googeln oder auf Recherchen anderer Art verzichte ich aus Gründen der Authentizität. Etwaige kleine Fehler bitte ich also zu entschuldigen.

Am 14. Mai 2019 jährt sich zum 25. Mal der größte Erfolg in der jüngeren Geschichte von Rot-Weiss Essen, der Einzug in das DFB-Pokalfinale in Berlin. Wie ich das Spiel und das Drumherum erlebte, das lest Ihr jetzt.

Bis zu besagtem Ereignis erfolgte mein größtmöglicher Ausbruch an Emotionen in Sachen Fußball vorm TV im Juli 1990, als Deutschland in Italien den dritten – und verdienten! – WM-Sieg im Finale gegen Argentinien eintütete. Matthäus, Brehme, Völler, Klinsmann & Co. auf dem heiligen Rasen in Rom, ich rund 1.000 km entfernt in einer rappelvollen Lokalität in Essen-Rüttenscheid. Und trotzdem war es eine grandiose, innige Symbiose; zwischen den Helden in Bella Italia und uns 40 oder 50 Aficionados der Deutschen Nationalmannschaft in einer völlig zugequalmten und vor Schweiß nur so triefenden Kneipe, deren Biervorräte wohl im Laufe des Abends auf eine gefährliche Untergrenze zusteuerten. Erwähnenswert wäre vielleicht noch die anschließende Siegesfeier und deren Folgeerscheinungen auf der Rüttenscheider Straße, jedoch möchte ich aus Gründen der freiwilligen Selbstkontrolle (FSK 16) auf teils entwürdigende Details verzichten. Nur soviel – ich habe Deinen Namen nicht vergessen, Heike. Sonst aber wirklich fast alles.

Dann, rund vier Jahre später, der 14. Mai 1994. Mein Verein, Rot-Weiss Essen, stand im Pokalfinale. In Berlin. Und das gegen alle Widerstände; hatte doch der DFB Anfang des Jahres beschlossen, RWE die Lizenz für die laufende Spielzeit zu entziehen. Hieß: Zwangsabstieg aus der 2. Bundesliga. Ich war nie und werde auch nie ein Fachmann für Wirtschaft sein, für Finanzen, für Lizenzauflagen, für all das ganze Brimborium drumherum. Weil mich letztendlich immer nur die Ereignisse auf dem Rasen wirklich interessieren. Aber ich weiß noch ganz genau, dass ich damals das erste Mal eine Art Hass – ja, es ist ein unschönes Wort, aber ich kann’s nicht ändern – auf den DFB empfunden habe. Denn, Rot-Weiss Essen hat sich für nicht eingereichte (oder zu spät eingereichte, ich weiß es nicht mehr) Unterlagen beim DFB selbst angezeigt. Und das schon damals sehr ausgeprägte Gerechtigkeitsempfinden eines jungen Mannes (also meins) wurde dadurch extrem ins Ungleichgewicht gebracht. Wer sich selbst anzeigt, so meine Sichtweise, sollte mit einer kleinstmöglichen Strafe davonkommen. Ob man diese Einstellung nun gutheißt oder nicht – dies war der erste Knackpunkt, in meiner latent stressigen persönlichen Beziehung zum DFB. Dass diese Raketenclowns in Frankfurt später noch weitaus absurdere Enscheidungen in der traurigen Lage zu fällen waren, konnte ich damals ja noch nicht wissen.

Ihr werdet es schon im zweiten Absatz gemerkt haben – ich war damals nicht in Berlin. Persönliche Gründe ließen es nicht zu, und es war okay. Ich war schon immer ein Auswärtsmuffel, obwohl ich mir Berlin natürlich gerne gegeben hätte. Aber was nicht ging, ging halt nicht.

Was hingegen gut ging, war das Halbfinale gegen TeBe Berlin im heimischen Georg-Melches-Stadion. Ich ergatterte noch eine Karte für die Stahlrohrtribüne, die auf dem Platz der Anfang der 90er abgerissenen Westkurve kurzfristig errichtet wurde. Als ein großer Anhänger der Höhenangst und ein noch größerer Sympathisant von wackeligen Konstruktionen war das genau mein Ding. Oder besser, mein Ding war es noch mehr zu trinken als ich es eigentlich vorhatte. Aber das Teil hielt, und RWE behielt mit 2:0 gegen die Berliner die Überhand.

Irgendwie surreal, oder? Ein Zweitligist, dem dazu noch frisch die Lizenz entzogen wurde, stand im DFB-Pokalfinale. Es gab im Vorfeld dann noch einige Wirren und Diskussionen, ob Essen im Falle eines Sieges am Europapokal hätte teilnehmen dürfen; schlussendlich wäre dies, meiner Erinnerung nach, gewährt worden. Aber spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Beziehung DFB/Rot-Weiss Essen wirklich nicht mehr zu kitten. Der Ruf „Scheiß DFB!“ hatte gefühlt damals – vielleicht ja auch wirklich – seinen Ursprung. Auch in anderen Stadien, ich erinnere mich noch an Dortmund, zeigte man durch Anti-DFB-Gesänge eine angemessene Form der Solidarität mit RWE.

Jedenfalls, am 14. Mai 1994, einem sonnigen Samstag, fand ich mich am späten Nachmittag in einer – welch Überraschung – Kneipe ein, um mit einigen anderen Daheimgebliebenen das Spiel des Jahres zu sehen. Stilecht im damaligen farbenfrohen Trikot (nur echt mit der Renault-Werbung), welches aber im Nachgang, verglichen mit anderen Modesünden der 90er, selbst heute noch durchaus ansehnlich ist.

Berlin

Foto Rot-Weiss Essen

Und nach etwa 10 Minuten des Vorberichts war ich schon auf 180 und beim dritten Bier. Denn die salbungsvollen Experten vor den Kameras, allen voran Dieter Kürten (den ich ansonsten sehr schätzte), taten nicht nur für meine Ohren so, als wäre das Spiel schon gelaufen. Werder hier, Bremen dort, Essen hat wohl keine Chance. Leute, erzählt nicht so eine Scheiße! Auf einseitige Stimmungsmache kann ich bei Öffentlich-Rechtlichen gut verzichten! Ihr Penner!

So oder so ähnlich meine Worte auf dem Weg zum Tresen, um mir das nächste verdiente Bier zu holen.

Leider war die erste Halbzeit nicht dazu angetan, die Worte dieser unqualifizierten Labertaschen zu widerlegen. Denn tatsächlich spielte fast nur Bremen, die zwangsläufig und recht schnell 2:0 in Führung lagen. Ich weiß noch, dass ich zur Halbzeit draußen stand, Kette rauchte und mir nicht sicher war ob ich wieder reingehen sollte. Manchmal möchte man das zu erwartende gruselige Ende einfach nicht miterleben, das liegt zumindest in meiner Natur. Zum Glück ging ich dann doch wieder rein, mit zwei frischen Bier in der Hand.

Und das habe ich bis heute nicht bereut. Denn kurz nach Wiederanpfiff fiel der Anschlusstreffer für RWE, und in der gesamten zweiten Halbzeit war Rot-Weiss Essen die spielbestimmende Mannschaft. Und nein, das habe ich mir nicht schon halb hinüber eingebildet. Denn Essen machte unaufhörlich Druck, spielte Bremen phasenweise an die Wand und war zwei- oder dreimal nahe am Ausgleich. Während das Adrenalin meinen beginnenden Vollrausch kompensierte und diesen in ein vorher nicht für möglich gehaltenes Stimmungshoch verwandelte. Ihr kennt das, wenn eine teils nicht sichtbare Gänsepelle sich nicht nur auf der Haut, sondern auch im ganzen Körper ausbreitet. Du bist pure, wahre Energie.

Die jäh endete, als der abgezockte Wynton Rufer zwei oder drei Minuten vor dem Ende ebendieses besiegelte. Aus, Schluss, vorbei. Innerhalb von ein paar Sekunden schrumpfst du als Fan von Titanengröße auf die Größe einer Maus. Der Adrenalinschub weicht einer bleiernen Leere, das Bier zeigt seine nicht mehr ganz so angenehme Wirkung. Aus, Schluss, vorbei.

Aber nichtsdestotrotz möchte ich diesen Tag in all seinen Facetten nicht missen. Denn er hat mir in gerade mal zwei, zweieinhalb Stunden schonungslos vor Augen geführt, was es bedeutet, Fan von Rot-Weiss Essen zu sein. Und das ist, trotz des in diesem Fall negativen Ausgangs, immer noch eine gute Sache. War es immer, wird es auch immer sein. Und Namen wie Kurth, Dondera, Lipinski, Margref oder Bangoura, die sind mit dafür verantwortlich, dass eine ganze Generation Anhänger dieses Vereins geworden ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie verloren oder gewannen. Denn sie waren und sind Rot-Weiss Essen.

3 Gedanken zu “Berlin Calling

  1. Pingback: Berlin, Berlin… – nullsiebenblog

  2. Beim Halbfinale war ich mit meinem Vater auf der Gegengeraden. Zwei Zweitliga- Absteiger spielen ums Finale, das wird es nie wieder geben.
    Und am Finaltag war ich durch Berlin gefahren, von meinem Praktikum in Frnakfurt/oder nach Hause. Und ohne Hoffnung auf ’ne Karte, also alles im Autoradio.

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