Eine Couch, zwei Meinungen

Wie heute bekannt wurde, soll die Vermarktung des Stadions Essen zukünftig durch, wie es der RevierSport ein wenig reißerisch à la Bild formulierte, den FC Schalke 04 erfolgen. Ich halte mich da völlig zurück. Hier nur zwei Kommentare. Von meiner Ex-Schwiegermutter (pro, relativ egal) und meiner Ex-Frau (contra, nicht ganz so egal).

Ex-Schwiegermutter:

„Ach, wat soll ich mich da getz ellenlang drüber aufregen tun. Hat ja mit Fußball so direkt eigentlich nix zu tun, woll. Ich meine, dat sind ja getz auch nich Putin-Freund und Schlächter Clemens Tönnies und die Schalker Ultras, die dat dann so organisatorisch regeln tun. Dat is ne Unterfirma von Schalke, die dat getz schon zehn Jahre oder wat weiß ich so ma ziemlich professionell auf die Bühne bringen tun. Mit Fussi ham die ma nix am Hut. Und ma ehrlich, vielleicht is dieser Gerüstkellner Dirk Miklikowski vonne GVE dann mal endlich etwas entspannter, wenn durch nen reibungslosen Ablauf von Konzerten und so mal nen bisschen Kohle in die Taschen seiner komischen Firma fließen tut. Is ja getz nich so, dat dann auf einmal Schalker im Stadion Essen arbeiten tun. Und da wie zuhause in die Ecken pinkeln, wo alles eh schon stinkt. Dann müsste man die natürlich ausse Stadt jagen, dat usselige Dreckspack. Aber is eben nur Business, oder wie man dat so sagen tut.“


Ex-Frau:

„Eine totale Unverschämtheit! Was erlaubt sich dieser selbstgefällige Dirk Miklikowski eigentlich noch!? Bekennender Schalker, und dann einer Tochterfirma der Stadt Essen vorstehen, die für den reibungslosen Betriebsablauf des Stadions Essen verantwortlich sein möchte, sowie für ein intaktes Binnenverhältnis zum Verein! Was kommt denn noch von der GVE und ihrem Feudalherrscher Miklikowski? Singen wir irgendwann vor Heimspielen „Blau und Weiß, wie lieb‘ ich dich“? Hängen bald Schalke-Fahnen am Stadion, nur weil Herr Miklikowski das so schön findet!? Ganz im Ernst, wer Berufliches vom Privaten nicht trennen kann, und das sieht bei diesem Herrn nun mal so aus, der steht in seinem Job auf verlorenem Posten! Dieser Dirk Miklikowski ist der falsche Mann am falschen Ort zur falschen Zeit! Und das nicht erst seit heute!“

Disclaimer: Kann Spuren von Ironie enthalten.

Elferpöhlen

Mein erstes Fußballerlebnis – TV, nicht Stadion – , das heute noch nachhaltig in meinem Kopf herumgeistert, ist das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich bei der WM 1982 in Spanien. Ältere kennen dieses Drama als die Nacht von Sevilla. Ein Spiel, welches einem vorpubertären Jugendlichen an einem lauen Sommerabend im Juli in einem Abwasch vorführte, was Fußball so alles sein kann. Hoffnung, Entsetzen, Panik, Erlösung. Und die erste Zigarette.

1:1 nach 90 Minuten, ein 1:3 nach noch nicht mal zehn Minuten in der Verlängerung, dann doch noch, kaum zu glauben, ein 3:3. Elfmeterschießen. Uli Stielike verbaselt, Toni Schumacher hält daraufhin zwei Versuche der Franzosen, Horst Hrubesch verwandelt den entscheidenden. Humorlos und trocken in die Mitte, wenn ich mich noch richtig erinnere.

Alles drin, alles dran. Mittendrin, statt nur dabei. Wechselnde Führungen, ein wahnsinnig machendes Hin und Her, nicht gegebene Treffer, ein astreines – damals Tor des Jahres -Fallrückzieherding von Klaus Fischer, ein heroischer Luftkampf von Schumacher gegen Battiston (Kein Foul! Ball gespielt!) und am Ende die unvermeidliche Büchse der Pandora, der Deckel schon halb geöffnet – das finale, unvermeidliche Elfmeterschießen.

Am Fernseher, wie die meisten Elfmeterschießen, schon kaum zu ertragen. So wie viele folgende. ’90 Italien, Deutschland vs England. ’96 England, die üblichen Verdächtigen. Oder zuletzt vor einigen Wochen bei der WM, der Elferkrimi gegen Italien.

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Aber all das ist nur absoluter Kindergarten, wenn man einen Shootout live und in Farbe im Stadion seiner Wahl erlebt, wie zum Beispiel den am Wochenende zwischen Rot-Weiss Essen und Arminia Bielefeld in der 1. Runde des DFB-Pokals. Oder wie ein Jahr zuvor, ebenfalls in der 1. Runde gegen Fortuna Düsseldorf. Am selben Ort. Kein Wort, kein Begriff ist auch nur annähernd in der Lage zu beschreiben, wie man sich als RWE-Fan fühlt. In diesem einen Moment, in dem der entscheidende Elfer geschossen wurde. Und man ausgeschieden ist. Es ist der Moment, in dem jemand den Abzug der Pistole durchgezogen hat, die seit Beginn des Dramas auf deinen Kopf gerichtet wurde.

Ist ein Elfmeterschießen nun eine gerechte Sache? Ja, wahrscheinlich. Allemal besser als ein unsäglicher Münzwurf, oder ein Wiederholungsspiel zwei Tage später. Aber es kann der Vorhof zur Hölle sein, wie am Samstag im Stadion Essen. Ich werde wohl noch ein paar Tage brauchen, um den Ausgang zu verarbeiten. Kein Vorwurf an die Mannschaft, kein Vorwurf an den Schützen, der verschoss. Wie auch, es war ein geiler Kick. Mit einer einmaligen Atmosphäre an der Essener Hafenstraße. Aber wenn ich diese Entscheidungsfindung in einem DFB-Pokalspiel ab jetzt jedes Jahr mitmachen muss (darf?), dann brauche ich mir um eine Rente mit 65, 69 oder 84 keine großen Gedanken mehr machen.

Dieses Gefühl…

…wenn du dir Gedanken darüber machst, ob du das aktuelle Shirt oder doch lieber ein Retro-Trikot tragen sollst. Wenn deine Vorfreude beinahe stündlich steigt, aber auf jeden Fall von Tag zu Tag. Wenn du deine Eintrittskarte behandelst wie den wertvollsten Besitz, den es auf dieser großen weiten Welt geben kann. Wenn du ihr ganz langsam die schwarzen Nylonstrüm…nein, sorry, das war was anderes.

…wenn du aus Zeit- oder Entfernungsgründen nicht im Stadion sein kannst und deswegen gewissenhaft einen Platz in der Sportsbar deines Vertrauens reservierst. Wenn du an alte und heroische Pokalschlachten gegen Schalke, Leverkusen, Bremen, Cottbus oder Berlin zurückdenkst. Wenn den ganzen Tag Adiole von Siw Malmkvist in deinem Kopf herumschwirrt. Wenn du zwar in einem stillen Moment etwas zweifelst, dir aber am Ende trotzdem ziemlich sicher bist. Wenn du einen Unterschied von zwei Ligen als absolut nicht relevant erachtest. Wenn du dir insgeheim vielleicht ein ellenlanges Elfmeterschießen wünschst, weil du das volle Programm mit sämtlichen Emotionen willst. Wenn du nachts – oder auch am hellichten Tag – davon träumst, dass Timo Brauer das 1:0 per brachialem Distanzschuss aus 28 Metern erzielt. Wenn du immer noch stolz auf die Leistung der Mannschaft vor einem Jahr gegen Fortuna Düsseldorf bist, obwohl das Match unglücklich verloren ging. Wenn du die Olympischen Spiele in Rio schaust, aber das meiste wie ein uninteressanter grauer Schleier an dir vorüberzieht. Wenn du der Meinung bist, dass aus Ostwestfalen eigentlich nichts Gutes kommen kann, noch nie gekommen ist. Wenn du nachdenkst und mit Freunden oder Kollegen darüber philosophierst, mit welcher Aufstellung Sven Demandt den Sieg am Samstag am ehesten eintüten wird. Wenn du abends Frank Löning in dein Gebet einschließt, damit er auf jeden Fall wieder voll einsatzfähig ist. Wenn du dir ausmalst, in welcher Kneipe du nach dem Spiel den Einzug in die zweite Runde des DFB-Pokals hart abfeierst…

…dann…

…spielt am Wochenende Rot-Weiss Essen gegen Arminia Bielefeld.