Diegos Tränen, Lothars Triumph und Gianna Nannini

Viele Experten – selbst die, die eigentlich gar keine sind – streiten darüber, welches denn nun die beste Fußball-WM aller Zeiten sei. Ich halte mich bei solchen Debatten gerne vornehm zurück, denn für mich gibt es eigentlich nicht das beste Turnier, nicht den besten Spieler und nicht das schönste Tor. Schon allein aus dem Grund, weil Fußball ein zutiefst zwiespältiges Spiel ist, welches äußerst subjektive Gefühle und Beurteilungen hervorruft und auch zulässt. Deswegen lasst Euch nicht von sogenannten und meistens auch noch selbsternannten Experten erzählen, welche denn nun die beste WM aller Zeiten sei. Denn die kann es allgemeingültig gar nicht geben. Was es tasächlich gibt, und das für eigentlich jeden – eine WM, die man deswegen für sich selbst favorisiert, weil man an diese einfach die schönsten Erinnerungen hat. Mein ewiger Favorit heißt auf jeden Fall und unumstößlich: Italia ’90.

Erst einmal müssen bei so einem die Turnier die Rahmenbedingungen passen. Und der äußere Rahmen war in diesem Fall: Italien. Ich mag und will gerne glauben, dass damals bei der Vergabe von WM-Turnieren noch die tatsächliche Qualifikation eines Landes eine übergeordnete Rolle spielte; die Tradition, die Begeisterungsfähigkeit der Menschen auf den Straßen, die allgemeine Affinität zum Spiel, zum Fußball. Und nicht der Fakt, wie viele Millionen an Bestechungsgeldern von „ambitionierten“ Ländern wie Katar an Stimmeninhaber geflossen sind, um dieses neben den Olympischen Spielen weltgrößte Sportereignis in einer unerträglich heißen Geröll- und Schotterwüste auszutragen, nur um die eigene Reputation in der Weltgemeinschaft zu erhöhen. Aber reden wir nicht weiter über eine Farce wie Katar, bleiben wir lieber bei Bella Italia.

Der Sommer 1990 war in Italien wie auch in Deutschland glücklicherweise ein sehr schöner und freundlicher, keine dauerhaften Temperaturen jenseits der 40 Grad, wie in oben erwähnter, menschenfeindlicher Destination, sondern angenehm, gar erfrischend und auch nachts noch gut zu ertragen. Und ein ganz wichtiger Faktor sei schon hier erwähnt. Es war die Zeit, in der es noch kein Public Viewing gab. Kein Rudelgucken unter Hunderten, manchmal Tausenden von wildfremden Menschen, keine gepushte, künstliche Hysterie, kein Hype. Nein, der Fußball wurde, wenn denn nicht gerade Zuhause, da geschaut wo er auch hingehört. In einer einfachen Kneipe in Deiner Straße. In Deiner unmitelbaren oder auserwählten Nachbarschaft, mit einer überschaubaren Anzahl von Dir bekannten Menschen, in einer Kneipe Deiner Wahl. Da, wo der Fußball in Deutschland seinen legitimen Platz hat, abseits der Horden von Schland-Fans, die sich mit billiger Fanschminke und allerlei lächerlichem Zubehör vom Discounter bewaffnet auf öffentlichen Großraumplätzen einfinden, und das turnusmäßig alles zwei Jahre, um in weiten Teilen ziemlich ahnungslos das zu zelebrieren, was ihrer Meinung nach der wirklich wahre Fußball ist. Peinlich. Ihr merkt wahrscheinlich gerade, dass ich Public Viewing für die überflüssigste Erfindung seit der Pizza Hawaii halte. Braucht kein ernsthafter Fan, kann weg.

Also – Italien. Ein Land, welches den Fußball atmet, an jeder Ecke und in jeder noch so kleinen staubigen Gasse. 1990 war auch eine Zeit, in der einem der mediale Overkill nicht schon Wochen vorher den Spaß an der ganzen Sache raubte. Als die Bundesliga im Mai endete, hieß es ganz lapidar – in knapp 4 Wochen beginnt dann die WM. Ja, es war die schöne Zeit, vor den ach so sozialen Netzwerken und vor den gefühlt 16 verschiedenen TV-Sendern und sonstigen Internet-Anbietern, die sich mit Unsummen gegenseitig überbieten, um der FIFA die vielen Portokassen zu füllen und den geneigten Zuschauer schon im Vorfeld eines Turniers mit unwichtigen und uninteressanten Wasserstandsmeldungen rund um Die Mannschaft zu erschlagen. Ihr merkt wahrscheinlich gerade, dass ich tatsächlich keine 29 mehr bin. Und dazu ziemlich Old School.

Damals, als die WM dann tatsächlich begann, wurde man tagtäglich in einem solchen Maße von den Öffentlich-Rechtlichen informiert, welches mir genau richtig erschien. Man konnte, sofern man denn wollte, so gut wie jedes Spiel sehen und wurde regelmäßig mit knappen aber ausreichenden Berichten versorgt, die sich hauptsächlich mit der Vor- respektive der Nachberichterstattung rund um ein Spiel befassten. Ob die Spieler einer Mannschaft damals einen bekannten Friseur ins Teamhotel einflogen ließen (was sie nicht taten), wie es gerade so auf dem Instagram-Account des frisch gefönten Mittelfeldspielers mit den knallbunten Schuhen aussieht (Instagram gab’s ja damals noch nicht), all die uninteressanten Dinge dieser und ähnlicher Natur waren zurecht nicht von Belang, es hätte auch niemanden wirklich interessiert. Die einzigen, echten Promi-News und manchmal auch Aufreger zu der Zeit – wenn Spielerfrauen renitent wurden, wie zum Beispiel eine Bianca Illgner. Dann, Herrschaften, war aber mal Feuer unterm Dach. Dann liefen auch Fernsehschaffende wie Gerd Rubenbauer oder Waldemar Hartmann (der heute nur noch ein trauriger Schatten seiner selbst ist) zur absoluten Hochform auf, um uns mit kleinen Bonmots aus der Welt der vermeintlichen Stars zu unterhalten. Das war okay, und das reichte dann aber auch. Abseits des Fußballs.

Was immer von großer Bedeutung ist, dass da Leute auf dem Platz stehen, mit denen Du in der Kneipe Deines Vertrauens gerne mal ein Bierchen dreschen würdest. Italia ’90 hatte diese Typen im Überfluss. Guido Buchwald, Jürgen Kohler, Klaus Augenthaler, Andreas Brehme (irgendwie kein Zufall, dass mir Defensivspieler immer verstärkt in Erinnerung bleiben), aber auch Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und über allen thronend ein Lothar Matthäus. Ja, mit diesen Spielern konnte man sich noch halbwegs identifizieren. Ich möchte jetzt bestimmt keinen abgenutzten und wohl auch fälschlichen Begriff wie volksnah benutzen, das wäre auch nicht so ganz zutreffend. Aber trotzdem waren das Typen, wie – Achtung, virtuelle 5 Euro ins imaginäre Phrasenschwein – es sie heute kaum noch gibt.

Aber auch musikalisch betrachtet, war dieses Turnier für viele Menschen wohl das letzte echte Highlight der WM-Geschichte. Und damit meine ich jetzt ganz sicher nicht Wir sind schon auf dem Brenner, den offiziellen WM-Song der Deutschen Fußballnationalmannschaft featuring Udo Jürgens. Das war nämlich ein schon grotesk schlechtes Stück Musik und stand damit in der traurigen Tradition der unendlich schlechten Lieder, die man der Nationalmannschaft im Laufe der Jahre aufs Auge drückte. Nein, ich meine Un’estate italiana von Gianna Nannini & Edoardo Bennato, ein mediterranes, leicht schmalziges aber nie unangenehmes Kleinod, welches als offizielle Hymne der WM fungierte und in den meisten Pizzerien dieses Landes damals in Heavy Rotation lief. Nun ja, zumindest bis zum Ausscheiden der Gastgeber im Halbfinale.

Wem Gianna Nannini nicht zusagte, der konnte sich an Die Toten Hosen halten, die Paolo Contes und im Original von Adriano Celentano eingesungenes Azzurro in ihrer damals typischen Art und Weise zusammenschredderten.

Kommen wir zu Loddar, kommen wir zu den Spielen. Zwar nicht so maßgeblich wie ein Diego Maradona vier Jahre zuvor in Mexiko, so prägte doch Lothar Matthäus dieses Turnier, vielmehr die Auftritte der deutschen Mannschaft. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass Lothar, wie Diego 1986, sein Team quasi im Alleingang zum Titel führte. Aber trotz der viel bemühten Legende um den kaputten Schuh, weswegen Matthäus im Finale gegen Argentinien beim Elfmeter Andreas Brehme den Vortritt ließ, war er die treibende Kraft hinter dieser deutschen Mannschaft, der nie stotternde Motor im defensiven, zentralen wie offensiven Mittelfeld. Lothar war überall, grätschte alles ab, war Ideengeber und auch noch Torschütze wie im ersten Spiel gegen Jugoslawien, mit einem satten Distanzschuss nach einem Lauf über das halbe Spielfeld. Das Finale gegen Argentinien an sich, das sollte allerdings nicht als das Highlight aus deutscher Sicht dieses Turniers gewertet werden. Denn der unbestrittene Höhepunkt war zweifellos das Viertelfinale, das 2:1 gegen die Niederlande. Unvergessen, die wortwörtlich hinterhältige Spuckattacke von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler (bis heute weiß übrigens niemand, warum auch Völler nach dieser Szene die Rote Karte sah), das aufopferungsvolle Spiel hernach von Jürgen Klinsmann nahezu alleine in der Spitze und der superbe Schlenzer von halblinks, mit dem Andreas Brehme meinen ganz speziellen Freund Hans van Breukelen im Tor der Niederländer überwand. Natürlich, auch das Halbfinale gegen England muss unbedingt erwähnt werden. Alleine schon wegen des handelsüblichen Elfmeterschießens, welches am Ende drei Protagonisten aufwies. Bodo Illgner, Stuart Pearce und Chris Waddle. Und natürlich mich vor einem kleinen Fernseher in einer noch kleineren Kneipe in Essen-Rüttenscheid, nass geschwitzt, von Bier durchtränkt und mit Bier gut abgefüllt. Das Finale in Rom war, wie bereits erwähnt, eher ein Spiel auf niederem Niveau. Ein hart geführter Abnutzungskampf auf beiden Seiten, ähnlich wie das Finale beider Teams bei der WM 2014 in Brasilien. Und mit einem glücklichen, aber letztendlich hocherverdienten Sieg der deutschen Mannschaft. Mit einem triumphierenden Lothar und einem traurigen Diego.

Ich denke gerne an dieses Turnier und an dieses Jahr zurück. Damit auch an den Fußball als Ganzes, der damals, nun ja, noch ein bisschen anders war als heute. Ehrlicher, solider. Und ich denke dieser Tage wieder oft an Italien, wie der Coronavirus dieses wunderbare Land beutelt. Im linken Auge eine Träne der freudigen Erinnerung, im rechten eine der Trauer.

Forse non sarà una canzone a cambiare le regole del gioco, ma voglio viverla così quest’avventura, senza frontiere e con il cuore in gola.

„Vielleicht wird kein Lied die Spielregeln ändern, aber ich will es so leben, dieses Abenteuer, grenzenlos und mit Herzklopfen bis zum Hals.“

Un’estate italiana.

14 Kommentare zu „Diegos Tränen, Lothars Triumph und Gianna Nannini“

  1. Ein (traurig-)schöner Text, beim Lesen spürt man fast körperlich, wie sehr sich unser Sport nunmehr von dem unterscheidet, was unsere Begeisterung für ihn weckte. Danke für diesen Artikel!
    Mein „Lieblingsturnier“ war allerdings Argentinien 1978, da habe ich erstmals die südamerikanische Fankultur wahrgenommen, wenn auch nur über TV, aber das musste eben reichen. Und ich war immerhin bei einem Qualifikationsspiel im Stadion (DDR-Österreich 1977 in Leipzig).

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  2. Ja, das war damals schon irgendwie alles anders. Ich habe die letzten drei deutschen Spiele der WM `90 in der Schülerkneipe meiner Heimatstadt genossen: Vielleicht 20, 25 Leute auf engstem Raum, eine Theke, ein paar Stühle, ein 66cm-Fernseher oben an der Wand. Und nach dem Finalsieg gab’s vom Wirt eine Gratisrunde Bessen Genever.
    Dann ab in die Düsseldorfer Altstadt – glücklicherweise war mein Freund Olaf damals Anti-Alki und hat parallel zu meinen sechs großen Weizen nur sechs Malzbier getrunken und konnte fahren. Alles war zwar sehr laut und feierlich und besonders – aber im Rahmen! Und um 3 Uhr fuhr man wieder nach Hause…
    Nicht, dass ich nicht auch schon tolle Public-Viewing-Events genossen hätte, z.B. in einer Kirche, aber das war damals halt doch anders, irgendwie intimer, inniger. Und v.a. hat nicht jeder ständig jeden Mist aufgenommen und bei Instagram oder sonstwo eingestellt. Es gab ja noch nicht mal einfachste Handys. Man hatte für zwei Stunden seine Ruhe beim Gucken – herrlich 🙂

    Heute interessiert mich Fußball natürlich immer noch – aber eher am Rande und nicht mehr so vordergründig. ‚Meine‘ Fortuna ist nun eh erstmal abgestiegen – mal schauen, was wird…

    Zu RWE habe ich mittlerweile patchworkbedingten, innerfamiliären Bezug und bekomme da Einiges mit. Viel Glück beim ewigen Bemühen, wieder ’nach oben‘ zu kommen und ich hoffe inständig, dass die Fortuna NICHT in zwei Jahren in der 4. Liga auf Euch trifft, sondern entweder in der Zweiten … oder mal wieder im Pokal 🙂

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  3. oh ja, an die WM 90 hab ich auch wunderbare Erinnerungen – wir waren in Italien im Urlaub und in den Ferienwohnungen neben uns lauter laute Engländer, Schotten etc.
    Es war die einzige WM bei der ich vorher die Klebebilder gesammelt hab und viele Spieler kannte.
    Und ich stimme dir vollkommen zu, dass es damals noch individuelle Fußballer gab – Klinsi mit seinen Kopfbällen, Andi Brehme mit den angeschnittenen unhaltbaren Schüssen, Bodo Ilgner, der keine Elfmeter halten kann, aber dafür genug Glück hat – heute sind doch alle Spieler gleich. Würde Maradona heute noch ein eine Nationalmannschaft kommen? Alle sollen alles können – das macht die Spiele auch viel langweiliger – oder bin ich nur ungeduldiger?
    Oder Olaf Thon mit den zwei Schritten Anlauf beim Elfmeter… Und ich könnte mich heute noch aufregen, dass Rudi Völler raus musste, weil er angespuckt wurde…was haben wir uns über die Niederländer aufgeregt! Und dann das Endspiel in dem alle Italiener für uns waren!
    Vielen Dank für die vielen schönen Erinnerungen 🙂
    Liebe Grüße
    Nanni

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