Als mir an der Pissrinne im Georg-Melches-Stadion nagelneue Sneaker ruiniert wurden

Ich bin ganz ehrlich – ich mag den Standard, mit dem das noch – relativ – neue Stadion an der Hafenstraße ausgestattet ist, so wie die meisten anderen neuen Stadien. Man ist auf der Höhe der Zeit, erfüllt die Auflagen für den nahezu uneingeschränkten Profifußball (der hoffentlich, und, da haue ich jetzt mal einen raus, in dieser Spielzeit in Form der 3. Bundesliga auch endlich erreicht wird), man fühlt sich einfach wie im Jahr 2021. Dazu kommt, dass das Stadion Essen an der Hafenstraße 97a, rein architektonisch betrachtet, zu den schöneren Stadien in diesem Land zählt. Es ist eigentlich ein reines Fußballstadion, und damit grenzt es sich von so manchen „Stadien“ ab, die mehr an eine Multifunktionsarena oder an ein Enkaufszentrum erinnern, denn an einen Ort, an dem man Fußball spielen sollte. Hier sei explizit an das Bauwerk in Gelsenkirchen erinnert, welches den meisten Menschen in diesem Land wohl eher durch PUR-Konzerte, Ü30-Partys und die alljährliche Biathlon-Veranstaltung bekannt ist.

Nichtsdestotrotz – manchmal, also hin und wieder, vermisse ich das altehrwürdige Georg-Melches-Stadion, mit seiner unvergleichlichen und unvergessenen Rotzigkeit. Und gerade heute, da ich über ein altes, eigentlich längst vergessenes und grobpixeliges Foto von mir stolperte: die Pissrinne.

Jetzt werden viele Menschen sagen: „Igitt, was ist das denn? Sowas kenne ich gar nicht, voll eklig!“ Ja, man mag so denken. In der Tat waren Pissrinnen (schon das Wort erinnert tatsächlich nicht gerade an Sagrotan oder Domestos) nicht unbedingt ein Hort der allumfassenden Sanitärhygiene, und dementsprechend roch es dort meistens auch. Fakt ist aber, dass Pissrinnen früher in so einigen Fußballstadien zur Grundausstattung gehörten. Für das rein männliche Publikum, versteht sich. Manchmal ist es eine Gnade, manchmal aber auch halt nicht, gewisse Dinge im Stehen verrichten zu können. Aber auch in sehr vielen Kneipen und an anderen, ähnlich gelagerten Orten des Ruhrgebiets, womöglich auch im Rest von Deutschland, gehörte die Pissrinne, in vornehmeren Kreisen auch Pinkelwand genannt, zum üblichen Standardrepertoire. Ich kann mich zum Beispiel auch noch ganz gut an die Pissrinne im ehemals legendären Nachtlokal „Micha’s Kännchen“ in Essen erinnern, am alten Standort am Güterbahnhof. Und die allermeisten Begebenheiten aus dem alten Kännchen, die habe ich aus sehr guten Gründen schon lange wieder vergessen. Die Zeit regelt.

Jedenfalls, ich stand eigentlich ganz gerne an der Pissrinne im WC-Häuschen im Georg-Melches-Stadion, in dem unter der Osttribüne. Irgendwie hatte das was authentisches, ehrliches, unverblümtes. Für mich war das, so komisch es vielleicht klingen auch mag, immer ein Teil des Stadionbesuchs. Neben dem Bier, der Bratwurst und dem Spiel. Fußball archaisch. Nur einmal, da war ich nicht ganz so angetan, de facto über den ganz großen Nachteil einer Pissrinne. Wenn du nämlich aus Versehen nagelneue Sneaker getragen hast, und der Kollege neben dir hatte nicht die ausreichende Menge Zielwasser getrunken, oder zu viel Bier, oder beides, dann konntest du deine nagelneuen Sneaker direkt in der nächsten Tonne entsorgen. Was mir einmal passierte, selbst schuld. Aber auch kleine Geschichten dieser Art, gehören zu den vielen Erinnerungen an ein großartiges Fußballstadion.

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