Wie eine Katharsis

Fußball kann hin und wieder ganz schön die Nerven belasten. Abseites meines Vereins haben mich zwei Spiele der deutschen Nationalmannschaft in meiner frühen und mittleren Jugend dahingehend geprägt, zum einen das WM-Finale 1986 in Mexiko-Stadt, als Jorge Burruchaga über einen Konter in der 85. Minute der entscheidende Treffer gelang, und zum anderen das WM-Finale 1990 in Rom, als Andreas Brehme ebenfalls in der 85. Minute den glasklaren (!) und entscheidenden Elfmeter sicher versenkte. Zwei Spiele, zwei Mal Argentinien, zwei Mal der Siegtreffer kurz vor Schluss. 1986 wurden meine jugendlichen und berechtigten Hoffnungen in der Schlussphase brutal und fast ohne Ankündigung durch die Wand getreten, 1990 fiel mir ein virtueller Sack Zement wie eine Katharsis von den zuckenden Schultern. Football, bloody hell. Ja, Spiele, in denen die Entscheidung erst kurz vor dem Schlusspfiff herbeigeführt wird, die brennen sich schon mal ziemlich tief in dein Fußballgedächtnis ein und hinterlassen eine veritable Furche. Erst recht dann, wenn es sich um Endspiele bei einer Weltmeisterschaft handelt.

Aber auch RWE, der Verein meiner besten Wahl, kann spielentscheidende Treffer (oder auch mal Gegentreffer) kurz vor Schluss ganz gut. Mal wie ein plötzlicher Schlag in den Nacken, bei ungünstigem Ausgang, mal wie eine Erlösung, geschehen gestern im Match gegen Fortuna Köln. 2:1, mit dem Ultima-Ratio-Elfmeter in der 88. Minute. In so einer Situation, Unentschieden kurz vor Abpfiff, da sitzen oft Teufelchen und Engelchen auf deinen Fan-Schultern. Das Teufelchen sagt dir, „Das war’s, das kannst du abhaken. Mehr als ein Unentschieden kommt nicht mehr bei rum, eher noch der Gegentreffer.“ Das Engelchen sagt dir, „Das wird noch, keine Sorge. Wir sind hier klar überlegen, wir wuppen das Ding noch.“ Ich tendiere immer dazu, auf die Gestalt in Weiss zu hören und die in Rot zu ignorieren. Interessant aber, dass beide die Farben meines Vereins tragen. Rot-Weiss Essen, wo Himmel und Hölle seit jeher nahe beieinanderliegen.

Aber ich find’s oft geil so, weil es ein bisschen auch den Fußball ausmacht. Diese nervenaufreibenden Spiele, während denen du dir so einige Haare ausreißen möchtest und schon unbewusst den Bierbecher in deiner Hand zerdrückst, und die dir dann knapp vor Abpfiff diesen einen, unvergleichlichen Moment bieten, der dich und alle anderen Anwesenden für eine kurze Zeit lang zu den glücklichsten Menschen auf diesem Planeten macht. Bäääm! Mit einem kleinen Einwand: bitte nicht allzu oft, ich nehme auch gerne klare, früh entschiedene Kicks. Denn selbst das stabilste Nervernkostüm, sollte nicht regelmäßig auf eine harte Belastungsprobe gestellt werden. Aber am Ende, da zählen immer nur die drei Punkte. Und sonst gar nichts.

Nur der RWE.

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