Catenaccio

Entgegen meiner ursprünglichen Planung, die EURO 2020 nicht oder so gut wie gar nicht zu verfolgen, hänge ich jetzt doch so gut wie jeden Abend vor der Kiste. Klar, man ist unzufrieden mit dem DFB, mag Oliver Bierhoff mit seinem „Die Mannschaft“-Gefasel nicht, Jogi Löw nervt nur noch, ein Großturnier dieser Art in verschiedenen Ländern ist in diesen, wenn auch sich bessernden Zeiten vielleicht nicht die allergrößte Idee des Jahrhunderts und hier und da und überhaupt. Aber letztendlich, schaut man doch mehr oder weniger entspannt oder begeistert – je nach Typ – zu. So auch ich. Ich bin ja kein Übermensch.

Es ist nun so, dass ich in der Causa internationaler Fußball, also Europameisterschaften ein Hybrid-Fan bin. Ich bin da nämlich für die deutsche Nationalmannschaft, wie auch für die italienische. Verrückt, oder? Für mich eigentlich nicht. Denn im Gegensatz zum Vereinsfußball, wo mein einzig wahrer Club den Namen Rot-Weiss Essen trägt, leiste ich mir bei einer EM den Luxus von gleich zwei Teams. „Erfolgsfan!“, mögen jetzt manche vielleicht denken. Nein, das ist es nicht. Ich mag einfach beide Nationalmannschaften und habe da auch gar kein Problem mit. Bei Weltmeisterschaften ufert das sogar noch weiter aus, da bin ich auch noch für Argentinien, La Albiceleste. Das heißt, ich werde so gut wie immer Weltmeister! Was mich aber eigentlich zu diesen Zeilen bringt, das ist der neue italienische Fußball, der bei dieser EM zu bestaunen ist. Mein Blog trägt natürlich nicht aus Versehen den italienischen Namen Catenaccio (07), also Riegel, grob übersetzt. Ich pflege seit jeher eine gesunde Affinität für den italienischen Fußball. Manche Menschen behaupten deswegen ja, ich sei ein Verfechter des dekonstruktiven Ergebnisfußballs, worauf ich immer entgegne: „Ach, ich nehme immer gerne ein dreckiges 1:0, denn Fußball ist in erster Linie ein Ergebnissport.“ Schön kicken nebenbei ist schon ganz okay, aber was zählt, das ist nun mal das Ergebnis. Und jetzt sehe ich die ersten beiden Spiele der Squadra Azzurra bei dieser EM, und ich traue meinen Augen nicht. Statt des gewohnten, eher defensiv ausgerichteten Spiels, welches früher für italienische Mannschaften State of the Art war, hämmern die auf einmal einen richtig geilen, offensiven Qualitätsfußball auf den Platz. Natürlich immer noch aus einer sicheren und gefestigten Abwehr heraus, selbstverständlich, aber trotzdem unverkennbar mit dem unantastbaren Willen versehen, ein Spiel über die vollen 90 Minuten zu dominieren. Auf einmal. Unfassbar.

Und dann, wie bei jedem Turnier, das bekannte, wunderbare Singen der italienischen Nationalhymne vor einem Spiel. Mit welch einer Inbrunst, mit welch einer Hingabe, mit was für einer Grandezza die Italiener ihre Hymne rausbrettern, Gänsehaut, immer. Da bin ich nah am Wasser gebaut, das gebe ich offen zu. Ich mag das einfach total.

Wo aber ist mein geliebter Catenaccio geblieben, die gnadenlose Zerstörung des gegnerischen Spiels, das unbedingte Sichern einer 1:0-Führung? Weit weg, wie es scheint. Was mich einerseits etwas melancholisch zurücklässt, aber andererseits, ich gebe es zu, doch ein bisschen erfreut. Denn ich habe richtig Bock, auf die kommenden Spiele der Squadra Azzurra. Vielleicht wird aus mir ja doch noch ein Genießer, der auf das „schöne Spiel“ großen Wert legt, und nicht nur auf das schnöde Ergebnis. Aber seid versichert – der Erfolg ist immer noch das Wichtigste, egal, ob schön oder dreckig. Denn am Ende ist der Fußball immer ein reiner Ergebnissport. Und das gilt für jede Mannschaft, egal ob Verein, oder Nationalteam, die für 90 oder mehr Minuten einen Rasen betritt.

4 Kommentare zu „Catenaccio“

  1. Die Squadra Azzura hat in den ersten beiden Spielen in der Tat überzeugt, ganz im Gegenteil zum lustlosen Auftritt einiger Spieler des deutschen Teams. Man kann verlieren keine Frage, das gehört zum Sport dazu, aber man kann sich nachher nicht hinstellen und alles schön reden. Da hab ich sehr schnell ausgeschaltet. Italien hat ja mind. 2 weitere Spiele, ob sie ihren Stil weiter durchsetzen können wird man erfahren. Für mich ist Oranje Favorit. Der Modus bei dieser EM ist eine Farce. Nur 2 Drittplatierte scheiden aus. Ein Hohn für sportlichen Wettkampf.

    Gefällt 1 Person

  2. Da ich ja eher ein Fan nordischer Mannschaften bin, feiere ich stets den aufopferungsvollen und in letzter Minute erfolglosen Abwehrkampf der Schweden, während mich der raffinierte, zerstörerische und häufig unfaire Catenaccio der Italiener aggressiv macht. Und dieses Jahr? Die Schweden halten die Null, die Italiener spielen nach vorne, aber mit Dänemark, Schweden und Finnland stehen meine Chancen schlecht, Europameister zu werden.

    Gefällt 1 Person

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s