Die Störrischen vom San Mamés

Nachdem ich etwa ein Viertel von Athletic Club Bilbao – aus Prinzip einzigartig gelesen hatte, und ich tat das mit reinem Vergnügen, was auch für den Rest dieses Buches zutrifft, fühlte ich mich inmitten dieser Zeilen richtiggehend heimisch, irgendwie. Und weder bin ich Baske, noch hege ich eine überbordende Affinität zum spanischen Fußball allgemein. Was mich zur Lektüre dieses Buches bewog, das war eher ein unterschwelliges, nie wirklich bewusst an die Oberfläche getretenes Interesse am Athletic Club Bilbao. Mir war lediglich bekannt, dass Jupp Heynckes Bilbao zweimal mit durchaus nennenswertem Erfolg trainierte, also nur zweimal weniger als Bayern München, dass der Club nie aus der spanischen Primera División abstieg, dass ich schon als Jugendlicher die englische Schreibweise von Atlético lässig, oder besser einzigartig fand und dass dort eigentlich nur waschechte Basken, sei es aus Spanien oder aus Frankreich auflaufen dürfen und ich hörte von Andoni Goikoetxea. Das war’s. Ach ja – und Mannschaften wie der Athletic Club Bilbao, so viel bekam ich im Laufe der Jahre auch noch mit, pflegen weitestgehend ein Spiel, das Fußballfans wie ich gerne mal als dreckig, aber ehrlich bezeichnen. Was von meiner Warte aus als lupenreine Anerkennung zu verstehen ist.

Und damit findet sich dann auch schon die Erklärung, warum ich mich in diesem Buch und damit in der langen Geschichte von Athletic sehr schnell heimisch fühlte. Als Kind des Ruhrgebiets, als langjähriger Anhänger von Rot-Weiss Essen sehe ich ein großes Stück Ruhrpott im Baskenland, eine gute Portion RWE im Athletic Club Bilbao. Oder meinetwegen auch andersrum. Der Fußball als Ausdruck der Heimat, auch des damit verbundenen Stolzes und einer gewissen Ihr-könnt-uns-alle-mal-Mentalität. Mit einem Wort – störrisch.

Der Autor Dirk Segbers, Wahl-Spanier, Bilbaíno und ganz offensichtlich Athletic-Verrückter im positiven Sinne, zeichnet in seinem Buch ein recht präzises aber dabei schnörkelloses Bild seines Vereins anhand von rund 60 kurzen Stories auf 220 teils bebilderten Seiten, über ehemalige Spieler, Trainer, Funktionäre, Edelfans, ausgewählte Matches und urbane aber trotzdem wahre Legenden jedweder Art. Diese werden durch einen losen Roten Faden chronologisch zusammengehalten, funktionieren aber auch für sich alleinstehend. Dass während der Lektüre zu keiner Zeit Langeweile aufkommt ist auch dem eher – in meiner Wahrnehmung – nüchternen Stil zu verdanken, der selbst bei der Beschreibung der größten Club-Momente nie ins Kitschige abgleitet aber den Leser trotzdem abholt. Und wer bei dem Stichwort Baskenland größere politische Exkursionen erwartet, etwa über die ETA oder das Franco-Regime, der wird mit diesem Buch vielleicht nicht ganz zufrieden sein. Denn Segbers wirft zwar in regelmäßigen Abständen einen kritischen Blick auf die spanische Geschichte der letzten, diesbezüglich betroffenen Jahrzehnte, jedoch überlagert dieser nie den Fußball, das Spiel an sich. Und genau das erwarte ich von einem Fußballbuch.

Schlussendlich bin ich neben dem reinen Lesevergnügen auch ein bisschen schlauer geworden. Im Athletic Club Bilbao dürfen mittlerweile nicht nur waschechte Basken spielen, sondern auch Spieler, die in einem Verein der Region ausgebildet wurden. Dazu das wunderbare Zitat eines Club-Funktionärs: „Wenn es im baskischen Fußball ausgebildet wurde, darf es für Athletic spielen. Und dieses Kind ist für uns genauso baskisch wie unsere eigenen Kinder. Niemanden interessiert, wo es auf die Welt kam. Ein ukrainischer oder syrischer Flüchtling hat hier genauso Platz wie ein Kind aus dem Zentrum Bilbaos.“ Und dass das neue Stadion San Mamés, welches 2013 errichtet wurde, im Volksmund ebenso Kathedrale genannt wird wie sein Vorgänger, das ebenfalls San Mamés hieß und dessen ehemalige Stätte nur einen Steinwurf entfernt liegt.

Man muss als neutraler Leser nicht zwingend Anhänger des Athletic Club Bilbao werden. Aber die Möglichkeit ist durchaus gegeben. Denn wer wie ich dem störrischen Habitus des Fußballs zugetan ist, sowie denen, die lieber mit ihrem Club weinen als mit einem anderen zu feiern, wer sich mehr für das rebellische als für das angepasste Spiel interessiert, für den sind die Störrischen vom San Mamés grundsätzlich eine Option. Denn es geht in Bilbao vorrangig um echten Fußball.

Dirk Segbers: Athletic Club Bilbao – aus Prinzip einzigartig. Verlag: Die Werkstatt. ISBN-10: 3730706306.

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2 Kommentare zu „Die Störrischen vom San Mamés“

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