„Wer ist der Schreck vom Niederrhein?“

Ich bin ja eigentlich ein Typ, der im Fußball grundsätzlich eher in der Gegenwart lebt, weniger in der Vergangenheit. Was früher war ist Geschichte, was zählt ist heute und was morgen passiert. Dieser Pragmatismus hilft mir in meiner Eigenschaft als Anhänger von Rot-Weiss Essen sehr, mich interessieren mehr die künftigen Siege als vergangene Niederlagen, mein Blick geht im Fußball immer nach vorne. Nichtsdestotrotz gibt es da immer diese Vielzahl an alten Geschichten, die man nie vergisst und die sich oft lohnen erzählt zu werden.

Eine dieser Geschichten handelt von Lothar Dohr, heute RWE-Fanbeauftragter und früher – mein Stadionheld schlechthin. Man muss da eine gewisse Strecke in der Zeit zurücklegen, in meinem Fall: zurück in die frühen 90er. Die Zeit, in der ich als Anhänger von Rot-Weiss Essen endgültig das wurde, was ich heute bin. Latenter Fanatiker und Gläubiger der Religion Rot-Weiss. Und einen nicht gerade kleinen Teil dazu beigetragen hat ebendieser Lothar Dohr, der schon in den 70ern sein legendäres „Wer ist der Schreck vom Niederrhein?“ in der ebenfalls legendären Westkurve an der Hafenstraße und auch auswärts zum Besten gab. Aber da ich doch noch nicht ganz so alt bin, wie ich manchmal denke, kann ich über diese Zeit aus Gründen nicht berichten.

Jedenfalls, in den 90ern gab’s für mich einige Dinge, die zu einem Besuch im Georg-Melches-Stadion zwingend dazugehörten. Meine jeweilige Freundin, mit der ich die Spiele besuchte, natürlich das Bier und die Bratwurst, ein Sieg wenn möglich, und – Lothar Dohr. Der immer dann auf seine Stange kraxelte, wenn RWE mal hinten lag oder kurz vor Schluss klar führte. Oder, sehr oft, wenn wir Zuschauer ihn freundlich darum baten. „Lothar auf die Stange!“ Was dann folgte, war immer und immer wieder Gänsehaut pur. Ein ganzes Stadion, zehn-, fünfzehntausend Zuschauer oder mehr, wurde still wie eine Kirche. Die Blicke erwartungsvoll auf Lothar Dohr gerichtet, in dem Wissen was dann kam. „WER IST DER SCHRECK VOM NIEDERRHEIN?“ Und alle: „NUR DER RWE!“ Gefolgt von den bekannten, drei weiteren Strophen. Und danach, das obligatorische und berechtigte „Lothar, wir danken dir!“ Gänsehaut, immer und immer wieder.

Das in meiner Erinnerung erhabenste Erlebnis dieser Art hatte ich jedoch auswärts, 1999 bei Preußen (heute Viktoria) Köln. Die Anlage hieß damals noch Flughafenstadion. RWE gelang dort der entscheidende Sieg zum Aufstieg aus der damaligen Oberliga Nordrhein. Wir mussten direkt nach dem Spiel zügig wieder nach Hause, warum weiß ich nicht mehr, und waren schon auf dem Weg zum Auto, welches wir schätzungsweise einen Kilometer vom Stadion entfernt abgestellt hatten. Und kurz vor der Ankunft am Parkplatz vernahmen wir es dann. „WER IST DER SCHRECK VOM NIEDERRHEIN?“ Ungefähr so laut, als ob Lothar Dohr nur 15 Meter neben einem stehen würde, anstatt des einen Kilometers, wenn auch unbebautes Land. Gänsehaut, wie immer. Nur diesmal noch etwas größer, ob der Entfernung.

Lothar Dohr musste seinen Schrei aus gesundheitlichen Gründen leider aufgeben, es gab zwar in der Folgezeit einige Versuche von verschiedenen Personen diesen wieder einzuführen, aber eigentlich scheiterte jeder dieser Versuche mehr oder weniger kläglich. Vielleicht ist das schlecht, vielleicht aber auch gut. Denn eins ist mal sicher: es gibt nur einen Schreck vom Niederrhein. Alles Gute zum 62. Geburtstag, Lothar Dohr. Nur der RWE!

2 Kommentare zu „„Wer ist der Schreck vom Niederrhein?““

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