Müde

Es gab wirklich mal Zeiten, da habe ich mich auf Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft gefreut. Das war immer so ein bisschen wie das Lagerfeuer der Nation, ähnlich wie „Wetten, dass…?“ früher im ZDF. Da hat man sich mit einer gewissen Vorfreude vor dem Fernseher versammelt, um eine schöne Zeit zu haben. Bei „Wetten, dass…?“ ging’s um pure Unterhaltung, bei Länderspielen um Fußball (der natürlich auch Unterhaltung mit einschließt). Aber im Gegensatz zu der Neuauflage von „Wetten, dass…?“, die ich gerne gesehen habe (trotz Helene Fischer, möge ihr Baby gesund und glücklich zur Welt kommen), bin ich bei Länderspielen der #Mannschaft, wie sie der PR-Praktikant und irgendwie und warum auch immer DFB-Manager Oliver Bierhoff so völlig neben der Spur getauft hat, mittlerweile ein bisschen raus.

Das fängt schon damit an, dass ich erst gestern zufällig über Social Media erfahren habe, dass heute ein Länderspiel stattfindet. Früher, auch ohne Social Media, hätte ich so einen Termin schon eine Woche vorher auf dem Schirm gehabt. Ein klares Zeichen von sich sukzessive aufgebautem Desinteresse meinerseits. Denn was mich abholt, das entgeht mir eigentlich auch nicht. Natürlich ist da auch die Paarung an sich ein Faktor. WM-Qualifiaktion, die längst eingetütet wurde, gegen Liechtenstein. In Wolfsburg. Das sind jetzt beim besten Willen keine fußballerischen Parameter, die mich vor freudiger Erregung kollabieren lassen. Zwar sehe ich gerne Fußball im Fernsehen, aber ich muss mir auch nicht alles geben. Liechtenstein (und dann drei Tage später gegen Armenien in, oh, Eriwan) sowie Wolfsburg mögen mir das bitte nachsehen. Aber ich bin da gerne mal wählerisch. Was mich schon länger nervt, das ist diese künstlich aufgeblasene PR-Maschinerie des DFB. Peinliche Choreografien vor den Spielen, jetzt in Wolfsburg gratis ein Trikot der Nationalmannschaft für jeden Kartenkäufer (mal ehrlich, wie peinlich und würdelos ist das denn) und eben dieser ganze Social Media Quark, angefangen bei der Bezeichnung #Mannschaft. Oliver Bierhoff und Konsorten haben es in relativ kurzer Zeit tatsächlich geschafft, die Nationalmannschaft samt Umfeld in ein herzloses Plastikprodukt für egale Kunden zu verwandeln. Ich bin einfach nur müde geworden.

Und über allem thront natürlich der „Sinn“ des zur Zeit großen Ganzen, die kommende Weltmeisterschaft im Winter in Qatar. Diese Farce. Für mich als Teilzeitromantiker des Fußballs, der die fantastische WM 1990 in Italien als Nonplusultra im Gedächtnis führt, ein formidabler Schlag ins Gesicht wie auch ins Gewissen. Ich bin nicht nur müde, ich bin auch wütend. Belassen wir es aber bei diesen Zeilen, denn ich kann es nicht ändern. Was ich aber machen kann und werde: am kommenden Samstag, zwischen diesen beiden Länderspielen zur Hafenstraße gehen. Zu Rot-Weiss Essen. Denn dort ist meine Vorstellung des Fußballs noch intakt. Und Gott sei Dank sitzt da kein Oliver Bierhoff neben mir auf der Tribüne.

7 Kommentare zu „Müde“

  1. Länderspiele waren früher schon 1 Woche vor dem Spielbeginn Thema im Büro und Freunden. Es gab Zeiten, da haben wir uns in der Halbzeitpause angerufen und Meinungen über die erste Halbzeit ausgetauscht.

    Am nächsten Tag wurde das Spiel nochmals aufgearbeitet und jeder gab seinen Senf dazu.

    Heute interessiert mich ein Länderspiel kaum noch. Und weshalb sollte mich die Quali zu einer WM interessieren, wenn mich die WM nicht interessiert?

    Schade, dass es soweit kommen musste.

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    1. Die Nationalmannschaft ist – in weiten Teilen – nur noch ein aufgeblasenes, künstlich wirkendes Produkt, welchem die Seele und die Besinnung auf das Eigentliche fehlt. Qatar kommt da eigentlich nur folgerichtig.

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  2. Plastik- Mannschaft in Wolfsburg – irgendwie paßt es ja. Und schnell noch „kleinere“ Stadien wieder für Länderspiele zulassen, damit man beim Sponsor vor der Tür kicken kann.
    Diese Truppe und der aufgeblasene Hype stört eigentlich nur noch den Ligabetrieb. Sonntag geht es zum kleinen Fußball – schon aus Prinzip.

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    1. Irgendwie ist es schade, wenn ich an frühere Turniere und Teams zurückdenke. Italia ’90 vor allem, die EM 1996 in England, selbst das Sommermärchen hat mich noch angesteckt und abgeholt. Heute spüre ich so gut wie nichts mehr.

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  3. Hallo,
    Hier mal ein außergewöhnlicher Wunsch.
    Wo hast Du als Verfasser dieser Seite deinen Platz im Stadion an der Hafenstraße?
    Würde gerne auf meine Kosten mit Dir ein Stauder trinken…
    Konnnte leider nicht die Möglichkeit einer PN nutzen.
    LG Hanno B.

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