Rot-Weiss Essen: Fußballfibel

Es gibt Fußballbücher, die lege ich nach ein paar Minuten gerne wieder aus der Hand. Weil sie entweder in einem mühseligen und bewusst staatstragenden Ton formuliert sind der mich einfach nicht abholt, oder weil sie Personen oder Vereine abhandeln, die mich letztendlich gar nicht interessieren. Bei der jüngst erschienenen Fußballfibel über Rot-Weiss Essen von Andreas Crom, seines Zeichens RWE-Livestream-Kommentator, Bloggerkollege und ganz offensichtlich im positiven Sinne verrückt à la Hafenstraße, war dies entschieden anders. Ich habe sein Buch am Sonntag gelesen und es nur einmal kurz aus Hand gelegt, und das auch nur, weil es Mittagessen gab. Vom (auch oft von!) Essen hält mich naturgemäß so gut wie gar nichts ab.

Das lag erst einmal daran, dass die Rot-Weiss Essen Fußballfibel für mich das exakt passende Format hat. Rund 150 Seiten, das ist genau richtig. Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel, denn 400-Seiten-Bibeln zum Thema Fußball gibt es zwar zuhauf, jedoch vermögen mich diese nur in sehr wenigen Fällen auch über die volle Strecke von 400 Seiten zu überzeugen, respektive bei der Stange zu halten. Andreas Crom schafft das auf diesen 150 Seiten, und das ganz ohne Probleme oder Durchhänger. In mehr oder weniger chronologischer Abfolge lässt er, nach einem kurzen Exkurs in die Vereinshistorie, tiefe Einblicke in sein Seelenleben als RWE-Anhänger zu, kommentiert immer fachkundig und oft angenehm süffisant die sicher nicht nur für ihn wichtigsten Spiele und Ereignisse seines mittlerweile knapp 30-jährigen Fandaseins. Ob zum Beispiel sein endgültiges Erweckungserlebnis im August 1987, ein DFB-Pokalspiel gegen Bayern München, eine nicht alle Ebenen das Leben bereichernde Auswärtsfahrt nach Leipzig, die urbane Legende des Münsteraner Schwertes, die fragwürdigen Lizenzentzüge, ein Aufstiegsrundenspiel in einem vorher nahezu unbekannten Dorf namens Herzlake, das Jahrhundertspiel im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen (das von 1995, aber auch das von 2021), die blamable und traurige “Lübeck-Situation“ oder das legendäre Pokalfinale in Berlin 1994, es fehlt eigentlich nichts, was rund um Rot-Weiss Essen in den letzten 30, 35 Jahren von Bedeutung war und ist.

Und was für mich immer wirklich wichtig ist: all das geschieht absolut ehrlich, oft gebührend euphorisch und auch manchmal schonungslos offen; grandiose Siege werden grandios gefeiert, brutale Niederlagen werden auch als solche eingestuft. Denn es gibt wohl kaum einen anderen Verein, bei dem höchste Euphorie und nackte Verzweiflung sich derart oft die Hand reichen, wie Rot-Weiss Essen. Wir können alles, nur nicht normal. Die vielleicht schönsten Sätze dieses Buches finden sich tatsächlich ganz am Ende. Als ich nach dem Spiel bei meinen Schwiegereltern vorbeischaue, stellt mir mein Schwiegervater ein Bier hin. Ein alkoholfreies. Weizenbier. Und ein Kölschglas. Es gibt Abende, da bleibt einem einfach nichts erspart.

Was sich wie ein Roter Faden durch das Buch zieht, vielleicht, ohne dass der Autor dies beabsichtigte – sein erstgeborener Stammhalter Nicolas. Fast scheint es so, als spiegelt dieser seit jeher die Obsession seines Vaters, und was kann es Besseres geben, als den eigenen Nachwuchs frühzeitig an den großartigsten Verein auf diesem Planeten heranzuführen. Gibt es an diesem Buch etwas zu bemängeln? Wenn, dann – für mich – das etwas fade Cover, welches aber ein Signet dieser Buchreihe darstellt. Da hätte ich mir ein bisschen mehr Individualität gewünscht. Das ist allerdings nur ein kleiner Makel, der absolut zu verschmerzen ist. Und wie sang schon Bo Diddley so treffend: You can’t judge a book by the cover. Denn der Inhalt ist – nicht nur für eingefleischte Anhänger von Rot-Weiss Essen – mehr als überzeugend.

Andreas Crom | Die Rot-Weiss Essen Fußballfibel | ISBN 978-3-7308-1748-3 | Erhältlich im Internet, im Fanshop von Rot-Weiss Essen oder beim Buchhändler deines Vertrauens.

4 Kommentare zu „Rot-Weiss Essen: Fußballfibel“

      1. Mach‘ das mal. 🙂
        Solltest Du auch das Buch schreiben? So ging es mir nämlich, also nicht RWE betreffend, klar. Ich fand das Gebaren von den Leuten dann so seltsam, daß ich mich dagegen entschieden habe, meine Erinnerungen mit denen zu teilen bzw über die teilen zu lassen.
        Wenn es beim RWE- Autor besser lief, freut es mich desto mehr.

        Gefällt 1 Person

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