Dirty Talk

Ich bin ihn langsam echt leid, diesen dreifach chemisch gereinigten Profifußball. Diese Kontroll- und Regulierungswut, seitens Teilen der Presse, seitens Übermenschen mit Hypermoral in sozialen Netzwerken und seitens des DFB, sobald irgendein Fußballer mal irgendetwas sagt, was auch nur einen Millimeter von der mittlerweile üblichen und wohl auch angedachten – und sehr oft völlig überzogenen – Political Correctness in diesem Sport abweicht. Ich habe es unendlich satt, belanglose Interviews mit glattgebügelten Fußballprofis zu hören oder zu lesen, denen meist ein vom Verein oder von einem Verband eingestellter Medienprofi die gängigen Satzbausteine aus dem sprachsensiblen Baukasten für weichgespülte Fußballer eingetrichtert hat. Ich kann es kaum mehr ertragen, wie dem Fußball sukzessive seine Rotzigkeit, Stück für Stück sein Habitus der Straße genommen wird.

Ich bewundere wirklich die wenigen verbliebenen Fußballer wie Sascha Mölders, die sich erstmal einen feuchten Dreck darum scheren, die einen Fuck darauf geben, wie bei wem auch immer das ankommt, was sie gerade auf dem Platz oder in einem TV-Interview sagen. Die letzten Kicker, die sich das Raue und das Rotzige erhalten haben, ohne sich darum zu kümmern, ob sich selbstgerechte, moralinsaure Zeigefingerheber darüber echauffieren müssen/wollen/werden. Natürlich, sollten etwaige Äußerungen eines Fußballers rassistischer oder ähnlich verurteilenswerter Prägung sein, dann ist es nur folgerichtig, diese aufzuarbeiten und im Fall der Fälle an den Pranger zu stellen. Aber normale Beschimpfungen, Beleidigungen, wie sie auf wirklich jedem Fußballplatz dieser Welt handelsüblich sind? No way. Dirty Talk ist für mich ein unabdingbarer Bestandteil dieses Spiels, des Fußballs. Schon RWE-Legende Willi Lippens brachte zu seiner Zeit seine Gegenspieler zur Weißglut, und das auch mal gerne mit wesentlich derberen Tiraden, als die, die Sascha Mölders am vergangenen Wochenende über einen Gegenspieler abließ. Heute verklären wir diese Sprüche, sie zählen zur wohligen, gern zitierten Folklore des Fußballs. Und fällt heute so ein lockerer Spruch, dann soll es falsch sein? Und wer hat das zu entscheiden?

Hört bitte damit auf, den Fußball und seine wenigen verbliebenen Protagonisten, die noch nicht völlig degeneriert sind, maßzuregeln. Lasst dem Spiel das wenig Raue und Rotzige, was ihm zum Glück noch erhalten geblieben ist. Lasst ihm seine verbalen Scharmützel, selbst dann, wenn sie mal unter die Gürtellinie gehen sollten. Wir werden das schon überleben. Denn ansonsten, da bin ich mir ziemlich sicher, wird es in paar Jahren keine Typen wie Sascha Mölders mehr geben. Und das würde den Fußball noch langweiliger, noch weniger authentisch werden lassen, als er es über weite Strecken heute leider schon ist.

5 Kommentare zu „Dirty Talk“

  1. Wie war das mit W. Lippens? Ich hoffe, ich bekomme das noch zusammen.
    Der Schiri sagte zu Lippens, „Herr Lippens ich verwarne ihnen“.
    Darauf sagte Lippens, schelmig wie er nun einmal war, „Herr Schiedsrichter, ich danke sie„.
    Worauf er endgültig vom Platz geflogen ist. 😀

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    1. Exakt. Das ist aber nur sein bekanntester Spruch. Lippens war ein Meister darin, seine Gegenspieler verbal zu verunsichern, sie zu brüskieren.

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    1. Es wird überreguliert, schon seit einiger Zeit. Und da fallen Begriffe ins Visier der „Ermittler“, die nun wirklich nicht schlimm sind. Ein gepflegtes „Du Arschloch“ hat noch niemanden umgebracht. Gerade beim Fußball nicht.

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