Der Game Changer

Am Fußball gefällt mir in erster Linie, dass er ein zutiefst einfaches Spiel ist. Fußball auf Grundlage seiner Basicregeln ist keine Quantenphysik; Du verstehst ihn, ich verstehe ihn, selbst einem sechsjährigen Kind ohne Vorahnung sind die wichtigsten Dinge des Fußballs in maximal 15 Minuten erklärt. Dann kann es ein Spiel mit großer Freude und ohne Probleme verfolgen. Nun, zumindest war das einmal so. In einer Zeit, als es noch keine ausufernden Abseits- und Handspielregeln gab und man beim Kürzel VAR an eine Autobatterie dachte. Heute, ist leider alles etwas anders.

Dieses bewusst kurz gehaltene Pamphlet soll – und das ist mir wichtig – keine Generalerklärung für das gestrige Spiel sein, für die Niederlage von Rot-Weiss Essen gegen Holstein Kiel im Viertelfinale des DFB-Pokals. Das wäre mir zu einfach, das Endergebnis ausschließlich an einer Fehlentscheidung aufzuhängen. Aber – eben diese absolute Fehlentscheidung des Schiedsrichters, die vom VAR aus welchen kühnen Gründen auch immer nicht kassiert wurde, war der Game Changer. Dieser Elfmeter, der keiner war, hat dem Spiel die entscheidende Richtung gegeben. Die Statik veränderte sich.

Nun steckt man natürlich in einer gewissen Zwickmühle. Indem man das Nichteingreifen des VAR kritisiert, gibt man ihm quasi eine Existenzberechtigung. Schon klar. Nur frage ich mich – wenn es diese Instanz schon gibt, warum versagt sie in absoluter und unschöner Regelmäßigkeit? Wo war der VAR gestern Abend, als dieses vorgebliche Foul von Dennis Grote an einem Kieler Spieler zu einem Elfmeterpfiff führte, der nie und nimmer hätte ertönen dürfen? Wahrscheinlich nicht in seinem VAR-Van auf dem Parkplatz vor dem Stadion Essen, wohl eher bei einem kurzen Spaziergang, einer kleinen Zigarettenpause auf der Hafenstraße.

Ich mag den VAR nicht, habe ihn noch nie gemocht. Für mich ist er wie eine unsichere Babysitterin, die einer Mutter sagt, wie sie ihr Kind zu behandeln hat. Oft greift sie willkürlich ein, ungefragt und mit fragwürdigen Ratschlägen. Und wenn sie dann tatsächlich mal zur Stelle sein sollte, dann ist sie nicht da, ist auf sie kein Verlass. Nein, ich brauche den VAR nicht. Und das nicht erst seit gestern. Es wurde uns durch ihn eine größere, neue Gerechtigkeit versprochen, die für mich nicht eingetreten ist. Es wurde uns gesagt, dass die Diskussionen über Schiedsrichter(fehl)entscheidungen abnehmen würden. Das Gegenteil ist der Fall, Diskussionen und die damit einhergehende Empörung haben signifikant zugenommen. VAR-Befürworter mögen jetzt vielleicht große Lust verspüren, mich argumentativ zu zerlegen. Nur zu, das interessiert mich nicht. Denn ich bewege mich im Fußball Gott sei Dank noch auf einer emotionalen Ebene, welche viele Anhänger dieses eigentlich wunderbaren Sports leider im Laufe der letzten Jahre verlassen haben. Und deswegen bin ich auf der richtigen Seite.

8 Gedanken zu “Der Game Changer

  1. Ehrlicher sollte der Fußball werden. Weniger Diskussionen sollte er bringen so hörte sich bei der Einführung des Kölner Kellers an.

    Es wird viel mehr diskutiert. Vor allem über den Keller. In der Abseitsregel hieß es früher mal, im Zweifel für den Angreifer. Ich habe bis heute noch niemanden gefunden, der mir zweifelsfrei erklären kann, wann es Handspiel im Strafraum ist und wann nicht.

    Mit anderen Worten, Deinem Post kann ich voll zustimmen. Fußball war mal ein ganz einfaches Spiel.

    Gefällt 2 Personen

  2. Vorweg, das Spiel habe ich nicht gesehen,  finde den Beitragsinhalt, in allen Überlegungen sehr gut. Nur die Fehlentscheidung und der daraus resultierende Rückstand, ich glaube in der 26. Minute eines 95 Minuten laufendes Spiels, als „Game Changer, der dem Spiel die entscheidende Richtung gegeben hat“ zu definieren, provoziert auch die Frage nach dem WARUM an die Mannschaft. Denn es geht auch anders. Pokalspiel im September 2020 SV Darmstadt 98 gegen 1. FC Magdeburg ein packenden Fight in der ersten DFB-Pokal-Runde. Darmstadt konnte sich nach Verlängerung nach Rückstand mit 3:2 (0:2/2:2) durchsetzen. Als Sportler liebe und hasse ich auch den Kampf gegen mich selbst auch wenn es weh tut. Es gilt der alte Spruch, erst wenn der Schiri abpfeift…😉 Alles Gute und gesund bleiben.

    Gefällt 1 Person

  3. Eigentlich wäre es ganz einfach. Der Schiri könnte wie die Reporter auf der Tribüne hocken und kann dann ziemlich in Echtzeit per Knopfdruck ein lautes Signal geben und per Lautsprecheransage den Pfiff erklären und per Laserpointer zeigen wo der Ball hingelegt wird. Es kann dann auch keine Rudelbildung geben.
    Damit wäre der VAR überflüssig und man doch die neuen, technischen Möglichkeiten nutzen.

    Gefällt 1 Person

    1. Catenaccio 07

      Gut, aber auf der Tribüne ist ein Schiri zu weit weg vom Geschehen. Es ist eh unmöglich, die „absolute Gerechtigkeit“ im Fußball herzustellen. Außer bei der Torlinientechnik, die ja auch Sinn macht. Aber alles rund um den VAR, hat sich jetzt nach Jahren als bloße Verlegung der Streitereien und Fehlentscheidungen erwiesen. Das kostet nur Zeit und bringt noch mehr Ärger.

      Gefällt mir

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s