Jahresinventur 2020


Eigentlich hatte ich nicht vor, in diesem Jahr noch etwas zu schreiben. Denn meine innere Diskrepanz zwischen den sportlichen Erfolgen meines Vereins und den gesellschaftlichen Problemen ist zurzeit derart groß, dass ich mich alles andere als bemüßigt oder gar berufen fühle, dieses Jahr angemessen zu bewerten. Da aber Rot-Weiss Essen gerade eine nicht gerade kleine Erfolgsgeschichte auf den Rasen hämmert, kommt mein rot-weisses Hirn nicht daran vorbei. Gehen wir es also an, nicht übertrieben lang und gewohnt pragmatisch.

Die Lage in Liga und Pokal

Die Zeichen stehen auf Sturm, in der Regionalliga West. Und zwar die Art von Sturm, die Rot-Weiss Essen im 10. Jahr der Zugehörigkeit endlich aus dieser Liga hinaustragen sollte. Was sich schon nach wenigen Spieltagen dezent andeutete, ist nun Gewissheit. Das Fernduell RWE vs. BVB II ist in vollem Gange, mit derzeit kleinen Vorteilen beim rot-weissen Club. Stand heute und wohl auch 2021, wird kein anderer Verein da noch ein Wörtchen mitreden. Was für Essen spricht – wir sind im Gegensatz zu Dortmund noch ungeschlagen, was uns natürlich einen wichtigen Vorsprung im Kopf verschafft. Dazu spielten wir in der Roten Erde Remis, und der BVB muss noch zur Hafenstraße. Vorteil RWE.

Im DFB-Pokal steht Rot-Weiss Essen als letzter Regionalligist im Achtelfinale, nach zwei absolut verdienten Siegen gegen Arminia Bielefeld und Fortuna Düsseldorf. Manche sagen jetzt – noch vier Spiele bis Europa! Ich sage – hey, bleibt locker. Immer schön von Runde zu Runde denken, Berlin ist nicht weit weg, aber doch noch eine schöne Strecke Weg. Unmöglich ist jedenfalls nichts, nicht mehr. Das Selbstbewusstsein dieser Mannschaft ist für jeden klar erkennbar, auch für die Gegner. Wer auch immer an die Hafenstraße kommt, bekommt ein Problem.

Die Mannschaft

Mit einem Wort: Top. Mit mehreren: Ich sitze auf der Tribüne oder vorm heimischen Endgerät und verspüre Vertrauen in dieses Team. Und zwar vollunfänglich. Mir wird das Gefühl gegeben, dass da eine gewachsene, homogene Einheit auf dem Platz steht, die sich ihrer Aufgabe bewusst ist. Dies war in Teilen auch schon in der vergangenen Saison zu beobachten, aber eben nur in Teilen. Es fehlten die entscheidenden ein oder zwei Puzzlestücke; die kleinen Schrauben, die zwar nur ein Teil des Ganzen, aber für dessen Stabilität äußerst wichtig sind. Da ich mir aus Prinzip nie oder fast nie Einzelkritiken an Spielern erlaube, hier eine in meinen Augen gelungene Analyse aus Happos Unkaputtbar.

Der Trainer

Mit einem Wort: Passt. Mit mehreren: Unaufgeregt, fachkundig, solide, authentisch und zielorientiert. Würde wahrscheinlich gerne auf Interviews verzichten, wenn sie nicht Teil der Aufgabe des Trainerjobs wären. Stellt sich nicht in den Mittelpunkt, wirkt aufgeregt nur dann, wenn die Situation es einfordert. Was Christian Neidhart ohne viel Brimborium sagt, nehme ich ihm eins zu eins ab. Was viel wichtiger ist – die Spieler tun es offensichtlich ebenfalls. Für mich die ideale Langzeitlösung für den weiß Gott nicht immer einfachen Trainerjob an der manchmal aufgeregten Essener Hafenstraße.

Der Sportdirektor

Mit einem Wort: Fachmann. Mit mehreren: Ist nach einigen vielleicht eher suboptimalen Besetzungen (nein, das ist kein Nachtreten, nur eine lapidare Feststellung) der letzten Jahre eine ganz wichtige Stellschraube im Verein. Und das mache ich jetzt einfach mal nur an seiner Transferbilanz fest, die so gut wie keine (100% Trefferquote gibt’s nicht) Ausfälle verzeichnet. Dass nicht jeder verpflichtete Spieler letzten Endes zur unabdingbaren Stammkraft wird, da müssen sie auch bei Real Madrid mit leben. Der Kader, den Rot-Weiss Essen zur Verfügung hat, ist jedenfalls allererste Sahne für die Regionalliga West und im Grundkonstrukt auch für höhere Aufgaben geeignet. Dazu hält sich auch Jörn Nowak angenehm zurück und sucht nicht das Scheinwerferlicht.

Der Vorstand

Mit einem Wort: Macher. Mit mehreren: Er hat dieses ominöse Scheinwerferlicht in diesem Jahr sicher nicht gesucht, vielmehr wurde er als Hauptverantwortlicher des Vereins in dieses gestellt. Ob Coronakrise fast durchgehend oder Aufstieg am Grünen Tisch in die 3. Bundesliga, Marcus Uhlig war bundesweit laut und deutlich zu vernehmen. Weil es seine erste Aufgabe ist, die Interessen des Vereins Rot-Weiss Essen bestmöglich und für ganz Fußballdeutschland klar und deutlich zu vertreten. Dass ihm dies außerordentlich gut gelungen ist, steht außer Frage. Nicht nur Experte in Sachen Fußball, auch RWE-Fan von Kindesbeinen an. Was für Christian Neidhart und Jörn Nowak gilt, gilt ebenso für Marcus Uhlig. Dieses Triumvirat würde ich gerne für einen sehr, sehr langen Zeitraum an der Hafenstraße wirken und malochen sehen. Und auch dann noch, wenn es mal nicht so gut läuft wie im Moment. Es ist an der Zeit, dass auf den wichtigen Positionen im Verein Kontinuität herrscht.

Eindrücke einer Hinrunde, die aus mehreren Gründen nicht so schnell vergessen werden wird

Die Anhänger

Wir erlebten die beste Hinrunde, seit die meisten von uns denken oder sich erinnern können, dazu die Erfolge im DFB-Pokal. Rein sportlich betrachtet ist dieses Jahr 2020 das gelungenste in der jüngeren Geschichte des Vereins. Und ganz ehrlich: Wer wenn nicht wir, hat sich das alles redlich verdient? Eben. Wir. Alles könnte so genial sein, wenn einer nicht unser größter Feind wäre:

Der Endgegner

Ich bin ganz ehrlich: Als im Februar die ersten Meldungen über das Coronavirus in mein Bewusstsein gelangten; als die ersten Menschen sich in Deutschland infizierten, da hätte ich nie im Leben daran gedacht, dass dieses Virus noch im Dezember das Hauptthema in den Nachrichten sein würde. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein ganzes Land, letztendlich ja die ganze Welt von einem Virus in Geiselhaft genommen wird. Dass das öffentliche Leben partiell zum Stillstand kommt; dass Geschäfte, Restaurants, Dienstleister aller Art und Kinos schließen, Geisterspiele im Fußball zu einer perfiden Art der temporären Normalität wurden. Nun, ich habe mich geirrt. Wie wahrscheinlich Millionen andere Menschen sich auch. Ein Impfstoff ist nun gefunden, und ich hoffe, dass wir in absehbarer Zeit wieder zu einem Zustand zurückfinden werden, den man als normalen Alltag bezeichnen kann. Ja, auch deswegen, weil ich die volle Kapelle Hafenstraße vermisse. Aber noch viel mehr, weil ich mir ein normales Leben zurückwünsche. Für mich, für alle Menschen. Kommt gut ins Neue Jahr 2021, bleibt gesund und macht das Beste draus; das Beste, was zur Zeit möglich ist. Und bald sehen wir uns wieder, spätestens in der 3. Liga und mit der erwähnten vollen Kapelle, an der Hafenstraße 97a.

Nur der RWE.

6 Kommentare zu „Jahresinventur 2020“

  1. Der Trainer …
    Der Sportdirektor …
    Der Vorstand …

    Ach wäre das schön, könnte ich ähnliches über die „Oberen“ von Hertha schreiben. 😀
    Einen guten Rutsch und möge die Hafenstraße wieder die gute Adresse werden, die sie mal war. Und das meine ich ehrlich.

    Gefällt 1 Person

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