Das Unwort des Jahres


Das Unwort des Jahres steht für mich schon im Oktober fest. Inzidenzwert. Bitte nicht falsch verstehen, damit möchte ich Sinn und Zweck dieses Begriffs nicht ins Lächerliche ziehen, nicht ad absurdum führen. Denn dieser Wert, diese Zahl ist ein wichtiger, meist stetig schwankender Indikator, der zur Zeit unser Leben beeinflusst. Und ich stelle das nicht in Abrede, schließlich bin ich nicht Attila Hildmann. Ich bin noch nicht mal ein veganer Koch, und beides ist gut so.

Worauf ich hinauswill: Dieser Inzidenzwert, der beeinflusst auch in sehr hohem Maße meine kleine Nebenexistenz, nämlich die als Fußballfan, explizit – die als Anhänger von Rot-Weiss Essen. Früher – was heißt früher, noch unmittelbar vor Corona – wusste ich Anfang der Woche, dass Ende der Woche ein Heimspiel anstand. Und es war klar: Wenn ich Lust hatte, und meistens hatte ich große Lust, dann ging ich zum Fußball. Das Einzige, was mich davon abhalten konnte, das war schon mal eine Spielabsage aufgrund Unbespielbarkeit des Platzes; zu viel Regen, Blitzeis, aber das kam selten vor. Vielleicht wurde man mal kurzfristig krank (eine kleine Erkältung zählt nicht) oder man befand sich außerhalb des Landes. Aber sonst gab es eigentlich nie einen triftigen Grund, an einem Spieltag nicht zur Hafenstraße 97a zu pilgern. Heute, ist das für die große Mehrheit leider ein bisschen anders.

Jeden Tag gegen Mittag schaue ich auf die Corona-News der Stadt Essen, und ich suche eigentlich nur eine bestimmte Zahl. Den Inzidenzwert des Tages. Ich weiß, dass er unter 35 liegen muss, damit ein Heimspiel vor den genehmigten 5.000 Zuschauern im Stadion Essen stattfinden kann. Ich weiß, dass nur 300 rein dürfen, rein können, wenn dieser Wert höher liegt. Und das macht mich ziemlich traurig. Denn ich konnte mir wirklich nie vorstellen, dass eine einfache Zahl, ein einziger Wert die Heimspiele unseres Vereins so dermaßen in der Hand hat. Ich verstehe alles, was dahintersteckt, und ich respektiere es. Aber es bleibt dieses unangenehme Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert sein.

Ich wünsche mir sehr, dass dieser Zustand nicht noch ewig lange anhält. Ich wünsche mir einfach, wieder am Anfang einer Woche zu wissen, dass am Ende dieser Woche ein Heimspiel ansteht, und ich dieses mit 10.000, 12.000 oder mehr rot-weissen Gleichgesinnten an der Hafenstraße verfolgen kann, ohne vorher eine Zahl im Internet googeln zu müssen. Ich wünsche mir bis dahin vor allem keine populistischen, sondern vernünftige Lösungen, Maßnahmen der Politik, um einen Stadionbesuch für möglichst viele Anhänger im Rahmen eines sorgsam ausgearbeiteten Hygienekonzepts, wie wir es in Essen zweifellos vorfinden, zu ermöglichen.

Nur der RWE.

4 Gedanken zu “Das Unwort des Jahres

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