Schrei!


Natürlich, ich vermisse den Fußball an der Hafenstraße. Das gesamte Paket; die Anreise, den ersten Blick auf das Stadion, die ganze Atmosphäre in diesem sowie ein paar blöde Sprüche, die ich gerne mal austeile wie auch einstecke. Und das Spiel an sich, klar. Kurz gesagt: die gute alte Hafenstraßenatmosphäre. Mir ist in den letzten Tagen aber aufgefallen – oder vielmehr, meiner Freundin ist das aufgefallen – , dass es noch etwas anderes gibt, was ich ganz offensichtlich vermisse. Etwas, das tief in mir drinsteckt, mein Alter Ego sozusagen, mein böser Zwilling. Ich vermisse es, rumschreien zu können. Bevor jetzt irgendwelche Missverständnisse aufkommen – ich bin von Natur aus kein Brülläffchen. Ganz im Gegenteil habe ich mich in der Regel im Griff und bewahre auch in Konfliktsituationen die notwendige Contenance. Vielleicht bin ich nicht gerade für den gehobenen Diplomatischen Dienst geboren (danke, Marcus), aber im Großen und Ganzen bin ich ein ruhiger Zeitgenosse. Nur, in letzter Zeit werde ich wohl hier und da ein bisschen lauter. Und das schon mal recht zügig. Freundlich gesagt: meine Zündschnur ist etwas kürzer geworden.

Auch hier bitte nichts missverstehen. Dies äußert sich nicht in verachtenswerten Akten der körperlichen Gewalt, oder in kompletten Ausrastern. Aber, ich bin im Moment deutlich leichter auf die Palme zu bringen. Vor ein paar Tagen, nur um ein Beispiel zu nennen, bin ich beim örtlichen Lidl verbal etwas ausgetickt, weil so ein strunzfo… [BEHERRSCHE DICH] also, weil so ein Einkaufswagentaliban mir mit seiner scheiß Karre von hinten voll in die Hacken gefahren ist. Mal ganz abgesehen davon, dass damit die Abstandsregel verletzt wurde, tat das schon ein bisschen weh. Ich also kurz umgedreht und den Flachw… [BEHERRSCHE DICH] also, den kleinen Mann verbal so akkurat zusammengefaltet, dass er danach in eine handelsübliche Streichholzschachtel passte. Normalerweise, das könnt Ihr mir glauben, hätte ich es bei einem bösen Blick oder einer strengen Ermahnung belassen. Nicht so zur Zeit. Und Vorfälle dieser Art häufen sich.

Die ganze Sache ist, und ich habe mir darüber wirklich Gedanken gemacht, ziemlich einfach zu erklären. Ich bin es gewohnt, und das seit Jahrzehnten, zumindest alle zwei Wochen Dampf ablassen zu können. Beim Fußball. An der Hafenstraße. Ich bin es gewohnt, in regelmäßigen Abständen verbal mal ein bisschen rumzuprollen. Das Ventil zu öffnen. Jetzt nicht in der Form, dass mich pflichtbewusste Ordner des Stadions verweisen würden, oder der Schiedsrichter beim Stadionsprecher anmahnt, er möge doch bitte diesen mittelalten, dauerschreienden Typen da oben auf der Tribüne abmahnen. Aber ich lasse halt ganz gerne mal einen raus. „Steh‘ endlich auf du Arsch! Hast du deine Kontaktlinsen verloren? Dämlicher Schauspieler!“ Sowas in der Art, wenn zum Beispiel ein Rödinghausener Einbauküchenmonteur wie vom Blitz getroffen auf dem Rasen liegt, obwohl in einem Radius von viereinhalb Metern kein einziger Essener Spieler zu sehen ist. Oder der gutturale Urschrei nach einem rot-weissen Tor, klar.

Also, nichts Schlimmes. Nur das Übliche, was man in einem Fußballstadion so ablässt. Aber da ich das seit geraumer Zeit nicht mehr kann, sorgt mein böser Zwilling wohl dafür, dass ich beim Einkaufen hin und wieder die Kontrolle verliere. Ihr seht, es gibt sehr viele Gründe, warum wir uns bald alle wieder an der Hafenstraße einfinden sollten. Ein Grund ist auf jeden Fall der, dass mir beim örtlichen Lidl sonst in Kürze Hausverbot erteilt wird. Und beim Bäcker.

hafen

NUR DER RWE!!!

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