Becker ’85


Wenn man mich heute, in der ungefähren Mitte meines Lebens fragt, welches denn nun das größte Sportereignis ist, dem ich beiwohnen durfte, dann muss ich den einen oder anderen Leser dieses Blogs hier und jetzt enttäuschen. Es war nämlich kein Fußballspiel, sondern der erste Wimbledontriumph von Boris Becker am 07.07.1985, heute vor 35 Jahren. Was uns zu dem Fakt führt, dass ich nicht mehr der Allerjüngste bin. Und Du, der Du das hier gerade liest, eventuell auch nicht. Sei’s drum, das mittlere Alter hat auch gewisse Vorteile.

Am besagten 07.07. des Jahres 1985 war ich auf Mallorca, es war mein erster Urlaub mit ein paar Jungs, und eigentlich war Tennis im Vorfeld wie auch in den ersten Tagen auf der Insel kein Thema. Auch deswegen nicht, weil das Internet zu dieser Zeit noch eine obskure Zukunftssache war, und die Zeitung vom Vortag lag damals oft erst gegen Mittag am örtlichen Tabakladen aus. Fernsehen? Doch nicht im Urlaub auf Malle. Man war also, ganz im Gegensatz zu heute, medial unterversorgt. Wenn ich mir die stete Nachrichtenflut der Gegenwart aber so betrachte, dann war das nicht zwingend ein Nachteil. Jedenfalls, auch auf Mallorca sprach sich irgendwann herum, dass da ein „17-jähriger Leimener“ (die Bezeichnung wurde auch noch gerne verwendet, als Becker schon 21 war) das Finale des größten Tennisturniers der Welt, nämlich Wimbledon, erreicht hatte. Und das als ungesetzter Spieler, was bis dato nicht vorkam. Nicht schlecht, dachte ich mir als Hobbyspieler. Vielleicht sollte man sich das mal ansehen. Und so kam es, dass ich den letzten oder vorletzten Tag, so ganz genau weiß ich das nicht mehr, anstatt am Strand in der Sonne zu brutzeln mich in einer kleinen schattigen Bodega im Ortskern wiederfand, wo ich das Finale gegen Kevin Curren auf einem noch kleineren Fernseher ohne Ton verfolgte. Und was soll ich sagen – ja, Becker hat mich tatsächlich geflasht. War doch die Art seines Spiels eine völlig neue. Ich hatte vorher keinen Tennisspieler gesehen, der regelmäßig nach dem Ball hechtete, dem man ansah, wie sehr er das alles wollte und der wirklich alles dafür tat. Kurzum, Becker gewann das Finale relativ klar, und wir tranken daraufhin viel zu viel und viel zu lang.

Foto dpa

Die Jahre darauf verfolgte ich die Spiele von Boris Becker regelmäßig und mit großem Interesse; mir gefiel es, wie er sich in ein Spiel hineinbiss und dann auch nicht mehr losließ, teils auch mit Mitteln, die nicht unbedingt der sportlichen Fairness zuzuordnen sind. Nun, manchmal muss man eben ein bisschen mehr tun, als das Regelbuch hergibt. Endgültig zum Fan auf Lebenszeit wurde ich zwei Jahre später, während der Davis-Cup-Relegation gegen die USA in Hartford, bei der sich Becker und der unvergleichliche John McEnroe in einem 6 Stunden und 21 Minuten andauernden Psychokrieg gegenüberstanden, den Becker am Ende gewann. Das Ding lief mitten in der Nacht im Fernsehen und war erst gegen 6 Uhr MEZ am frühen Morgen zu Ende. Ich war danach ebenfalls fertig, auf allen Ebenen. Nach seiner aktiven Karriere, das ist ja weithin bekannt, leistete sich Becker den einen oder anderen beruflichen wie privaten Fehltritt, was von den Medien natürlich immer genüsslich ausgeschlachtet wurde. Manche sehen es auch ganz gerne, mit einer gewissen Häme, wenn ein großer Sportler in Fettnäpfchen tritt. Oder bestimmte Körperflüssigkeiten in einem Londoner Restaurant an eine zufällig anwesende Unbekannte weitergibt. Nun ja, wer frei von Fehlern ist, der werfe den ersten Stein. Ich habe das nie gemacht, diesen Stein geworfen. Denn es stand und steht mir nicht zu.

Was mir aber in guter Erinnerung bleibt, das ist eine großartige, fast einzigartige Sportlerkarriere, mit herausragenden Triumphen und vernichtenden Niederlagen. Und wirklich groß wird man erst, wenn man das eine wie das andere in vollen Zügen erlebt und zelebriert hat. Danke für alles, Boris.

2 Gedanken zu “Becker ’85

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