Geisterspiele – ein Selbstexperiment


Wie wohl allgemein bekannt ist, bin ich ein bekennender Gegner des Re-Starts der Bundesliga und lehne Geisterspiele aus vielerlei Gründen vollumfänglich ab. Da ich jedoch nicht wirklich mitreden kann, ohne zumindest einmal ein solches Spiel im Fernsehen verfolgt zu haben, unterziehe ich mich heute meinem persönlichen, ultimativen Stresstest. Ich verfolge, soweit es mir möglich ist, die Bundesligakonferenz des 30. (?) Spieltags auf Sky.

Ich möchte hier erwähen, dass ich wirklich nicht genau weiß, welcher Spieltag heute ist. Denn seit ich mich aus dem Big Business ausgeklinkt habe, verfolge ich das Geschehen rund um das selbsternannte Premiumprodukt nur noch in marginalen Ansätzen. Ich weiß, wie die Tabelle in groben Zügen aussieht (Bayern scheint wohl wieder Meister zu werden, nun ja), ich weiß, dass die Schalker keinen wirklich guten Lauf zu haben scheinen. Okay, wenn Schalke keinen guten Lauf hat, dann ist das natürlich zu begrüßen und immer eine positive Nachricht. Prost.

So, das Ding hat gerade begonnen. Düsseldorf gegen Hoffenheim. Nicht unbedingt eine Partie, die auch unter normalen Umständen bei mir Stürme der Begeisterung auslöst. Ups, da geht’s auch schon weiter. Leverkusen gegen Bayern. Der Geräuschpegel dort ist in etwa so, wie ich es von Spielen aus Leverkusen seit Jahren kenne. Jetzt schweigt auch noch der Reporter; das einzige Geräusch, welches ich gerade vernehme, neben zwei brüllenden Trainern, ist das Zwitschern der Vögel draußen im Garten. Mir fällt gerade ein, dass irgendwer Möchtegernschlaues mal sagte, Fußball ohne Zuschauer sei authentisch. So wie in der Kreisliga. Hm, das sehe ich nicht ganz so. Denn selbst in den unteren Kreisligen hast du die üblichen Meckerrentner, die Eltern und Bekannten von Spielern sowie die Spielerfrauen. Und die haben schließlich alle immer etwas beizusteuern, meistens überaus lautstark. Das gefällt mir.

Oha, in Düsseldorf kommt wohl zum wiederholten Male der VAR zum Einsatz. Also, schlimmer kann es ja echt nicht werden. Erst ein Spiel ohne Zuschauer, und dann ruht drei bis vier Minuten auch noch alles, weil ein Sesselpupser in den Katakomben in Köln irgendwas zu moppern hat. Man, man, man. Meine Freundin sitzt derweil auf der Couch und liest ein Buch. „Der Zorn der Wölfe“ von Jiang Rong. Da geht’s um China, die Mongolei, die Kulturrevolution und – genau, um Wölfe. Sie sieht nicht auf den Bildschirm, also scheint es recht spannend zu sein. Vielleicht schaue ich da auch mal rein. Weiter geht’s mit Leipzig gegen Paderborn. Also… nein, da sag‘ ich jetzt nichts zu. Ich suche gerade auf der Fernbedienung diese optionale Sky-Tonspur, die dem Zuschauer künstliche Stadionatmosphäre vorgaukelt. Die dem Sky-Kunden auf perfide Art in sein Gehirn fräsen soll, dass alles wie immer ist. Allerdings haben wir diese Funktion nicht, warum auch immer. Egal, ich lege einfach die Rolling Stones in den CD-Player. Geht immer. Und die Vögel zwitschern ja auch noch.

Wieder in Leverkusen. Der untere Rang auf der Gegengeraden wurde mit einem Breitbandplakat zugekleistert, auf dem neben irgendeinem Slogan wohl die Gesichter von Menschen zu sehen sind. In einer Ecke wurden ein paar Fahnen und Transparente ausgelegt. Das alles soll wohl Stadionatmosphäre simulieren. Bei mir hingegen singt jetzt der große Philosoph Mick Jagger „You can’t always get what you want“, und meine Freundin ist gerade auf der Couch leise schnarchend eingeschlafen.

So, und knapp vor Ende der 1. Halbzeit endet dann auch dieser Selbstversuch. Ich habe schlicht und einfach keine Lust mehr. Außerdem sind noch die Katzenklos zu reinigen, der Rasen könnte auch mal wieder gemäht werden. Quintessenz: Ich werde mit Fußball warten, bis ich wieder ins Stadion Essen an der Hafenstraße kann. Denn wer wie ich echten Fußball gewohnt ist, der gibt sich nicht so schnell mit einer Simulation zufrieden.

3 Gedanken zu “Geisterspiele – ein Selbstexperiment

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