Elferpöhlen


Heute vor 50 Jahren, am 30. Mai 1970, wurde im Fußball das Elfmeterschießen eingeführt. Von manchen gehasst, von vielen gefürchtet, von mir – tatsächlich geliebt. Auch wenn sich einige Experten jetzt fassungslos abwenden: Für mich gibt es nichts Besseres, als ein Fußballspiel, welches im finalen Elfmeterschießen entschieden wird. Gehen wir mal ein paar durch, an die ich mich gerade und gerne erinnere. Ganz subjektiv. Und das heißt tasächlich, wie ich mich gerade aus Gründen erinnere. Also nicht chronologisch und nicht wertend. Und definitiv auch nicht vollständig.

Deutschland vs. Frankreich, Halbfinale WM 1982, Sevilla. 8:7 n.E.

Dieses Jahrhundertspiel, die legendäre „Nacht von Sevilla“ war erst vor Kurzem Thema im Blog, anlässlich des 69. Geburtstags von Horst Hrubesch. Das erste Spiel, welches ich wirklich bewusst im Fernsehen wahrnahm, während dem ich meine erste Zigarette rauchte und das von einer Spannung durchzogen war, die ich in dieser Intensität danach nur noch selten erlebt habe. Der verschossene Elfmeter von Uli Stielike, hernach die Rettungstat von Toni Schumacher und dann der letzte, entscheidende Elfmeter von Horst Hrubesch höchstpersönlich. Drama Baby, auf höchstem Niveau.

Rot-Weiss Essen vs. Arminia Bielefeld, 1. Runde DFB-Pokal 2016, 6:7 n.E.

Ein komisches Spiel, irgendwie. RWE zwar gut und unbändig kämpfend, aber dem Gast aus Ostwestfalen spielerisch mehr oder weniger unterlegen. Nichtsdestotrotz fightete Essen sich nach zweimaligem Rückstand noch zu einem 2:2 in der regulären Spielzeit. Respekt. Vor allem, weil ich Dummdösel den Torschrei nach dem zweiten Ausgleich schon außerhalb des Stadions vernahm. Mir ging’s an diesem Tag nämlich mal richtig schlecht, und ich wollte, musste eigentlich möglichst schnell wieder nach Hause. Nur, wenn man auf der Hafenstraße Höhe Hafenstübchen doch noch den erlösenden Torjubel vernimmt, dann kehrt man halt wieder um. Das körperliche Befinden steht dann noch ein bisschen hintenan. Leider hat es sich nicht rentiert, Dennis Malura verschoss und RWE war raus. Aber mit Applaus.

rwe

Deutschland vs. England, Halbfinale EM 1996, Wembley. 6:5 n.E.

Das war ein Tag, da passte wirklich alles. Herrliches Sommerwetter, ein großer Flatscreen (die waren damals noch der heiße Scheiß, heute ja Standard) in einem grünumrankten Biergarten im Essener Süden, nette Leute, gute Stimmung. Alan Shearer brachte die Engländer zwar schon nach zwei oder drei Minuten in Führung, Stefan Kuntz glich aber noch in der ersten Halbzeit aus. Danach ein richtig packendes Match bis zum Finale Furioso; die ersten 10 regulären Elfmeterschützen trafen, und dann: Auftritt Gareth Southgate. Der heutige englische Nationaltrainer lief an, und sofort war fast jedem Anwesenden klar – das wird nichts. Wurde ja auch nichts. Danach versenkte Andy Möller den entscheidenden Elfmeter. Andy Möller, mit dem ich damals nicht so richtig was anfangen konnte. Aber mit seinem dezent provozierenden Brust-raus-Jubel, eine ganz bewusste Retourkutsche an die Adresse von Paul Gascoigne, hat er mich dann doch noch kurz abgeholt.

FC Liverpool vs. AC Mailand, Finale Champions League 2005, Istanbul. 6:5 n.E.

Das war ein etwas merkwürdiger Tag, passend zu einem nicht alltäglichen Finale. Denn ich war mit einer Bekannten und zwei befreundeten Pärchen in einer Kneipe, und zwar tatsächlich mit dem Hintergrund einer schnöden Unterhaltung. Die, man ahnt es, mit Fußball nichts zu tun haben sollte. Das Spiel lief ohne Ton auf einem kleinen, alten Fernseher, der weit oben an einer Wand hing. Im Laufe des Abends verlagerte sich allerdings die Aufmerksamkeit wirklich aller Anwesenden auf diesen kleinen Bildschirm, denn wann erlebt man schon mal, dass eine Mannschaft in einem großen Finale ein 0:3 zur Halbzeit dreht. Nun, genau an diesem Abend zum Beispiel. Als das Elfmeterschießen begann, standen schließlich alle und blickten gebannt Richtung Fernseher, und der auf der Linie tänzelnde Jerzy Dudek hielt für Liverpool den Erfolg fest, während wir uns an immer mehr Bierchen festhielten.

Rot-Weiss Essen vs. Bayer Leverkusen, Achtelfinale DFB-Pokal 1995, 5:8 n.E.

Was in meinen Augen die erwähnte „Nacht von Sevila“ für die Deutsche Nationalmannschaft ist, das ist das „Drama im Regen“ für Rot-Weiss Essen. Ein unermüdlicher Hochleistungskick, fast durchgehend auf 12 Zylindern laufend; ein Spiel, das niemand je vergessen wird, der an diesem Abend an der Hafenstraße anwesend war. Habe ich schon alles drüber geschrieben, „Und am Ende weinten die Götter“.

Deutschland vs. Argentinien, Finale WM 1990, Rom. 1:0

„Nanu, war da nicht auch ein Halbfinale gegen England? Hat der doofe Blogger hier einen Fehler gemacht?“ Ja, aber bewusst. Denn der entscheidende Elfmeter von Andreas Brehme im Finale von Rom ein paar Minuten vor Schluss, das war wirklich die einzig nennenswerte Szene in diesem ansonsten ziemlich unansehnlichen Spiel. Es gibt wohl kein anderes Match, welches im Nachgang so sehr auf eine einzige Aktion reduziert wird. Es besteht in der Erinnerung quasi nur aus diesem entscheidenden Elfmeter. Aber da er drin war, geht das völlig in Ordnung. Winning ugly.

Ja, ich mag Elferpöhlen wirklich. Aber ich mag ja auch alte Western, in denen sich die zwei Protagonisten, die Erzfeinde am Ende im Showdown auf offener Straße duellieren. Einer bleibt stehen, einer fällt. Und meistens gewinnt ja auch der Gute. Naja, zumindest im Western.

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