Nicht mehr mein Fußball


Als ich heute Morgen aufwachte, war mir nach etwa 5 Minuten klar, was das Highlight des heutigen Tages werden sollte. Denn da blickte ich in die Augen meiner Freundin, und diese waren von einer gewissen Glückseligkeit erfüllt. Nein, mit mir hatte das mal wieder nichts zu tun. Vielmehr stand heute ihr lang erwarteter Friseurtermin an, und deswegen war mir klar, dass dies ein guter Tag werden würde. Also zumindest für sie, denn ich sehe immer noch aus wie Iggy Pop nach einer durchzechten Nacht. Erst nach ein oder zwei Stunden dachte ich an etwas, das für viele Menschen anscheinend der Höhepunkt dieses Tages, dieses Wochenendes, ja vielleicht sogar des ganzen Jahres sein wird. An den Re-Start der Bundesliga. Aber auch nur deswegen, weil ich im Internet über einen frischen Blogeintrag des hochgeschätzten Kollegen Carsten Pilger stolperte, seines Zeichens gläubiger Anhänger des 1. FC Saarbrücken. The day the Fußball died. Besonders diese beiden Sätze, die schwirren immer noch in meinem Kopf herum.

Spieler im leeren Stadion, die nur für den Erhalt der eigenen Wirtschaftlichkeit ein Theater vollziehen, das all das nicht beinhaltet, was Fußball für mich ausmacht? Ein Produkt, das ich so nicht brauche.

Um es kurz zu machen: Dieser Text ist eine Abrechnung mit dem Big Business Bundesliga. Wahrscheinlich brodelte es in ihm, in mir und vielleicht auch in Dir schon etwas länger, und die letzten Wochen haben nun endgültig dafür gesorgt, sich von dem Premiumprodukt Bundesliga kurz-, mittel- oder auch langfristig zu distanzieren. Ich habe mit mir selbst in den letzten Tagen gerungen; wie gehe ich jetzt wirklich an diese Sache heran? Verzichte ich auf jedwede Form der Übertagung dieser Geisterspiele, höre ich vielleicht Radio, reicht mir ein Blick ab und zu ins Internet? Der Geist ist ja bekannterweise oft willig, und das Fleisch manchmal schwach. Aber nach gründlichem Abwägen, bin ich nun zur finalen Entscheidung gekommen. Ich mache gar nichts dergleichen. Ich möchte nicht wieder ein Teil, ein kleines Rädchen in dieser Fußballmaschinerie Bundesliga sein, die sich nur noch um sich selbst dreht, und um den allgegenwärtigen König Mammon. Vielleicht gilt es, dies in naher Zukunft wieder neu zu verhandeln. Aber Stand heute, bin ich erstmal raus. Verstehe mich nicht falsch – ich mache Dir keinen Vorwurf. Wenn Du Dich für diese Geisterspiele entscheidest, wenn Du das für richtig und für angemessen hältst, dann ist es gut. Es ist Deine Wahl.

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Aber ich kann und will es auch nicht mehr. Ich bin ein Kind der Hafenstraße; Emotionen sind für mich nicht nur eine leere Phrase, nicht eine neue Tonspur mit künstlicher Stadionatmosphäre auf Sky. Ich weiß ob dieser Emotionen, ich liebe sie, und ohne diese ist das einfach nicht mehr mein Fußball. Ich kann mir keine perfiden Geisterspiele im Fernsehen ansehen, in dem Wissen, dass ich jetzt eigentlich im brodelnden Stadion Essen sein möchte, sein sollte; fiebernd vor Nervosität und darauf hoffend, den alles entscheidenden Siegtreffer in der 93. Minute zu bejubeln, inklusive einer zünftigen Bierdusche. Und Emotionen, so viel ich gerade eben vertragen kann, aber bitte das ganze Paket. Vielleicht würde ich nicht ganz so weit gehen, wie der Kollege Pilger aus Saarbrücken. Vielleicht ist dies nicht der Tag, an dem der Fußball stirbt. Aber für mich ist es auf jeden Fall ein Tag, an dem der Profifußball, an dem die Bundesliga verliert.

3 Gedanken zu “Nicht mehr mein Fußball

  1. Ich schau mir diesen Quark auch nicht an. Reicht schon, wenn in der Tagesschau die Ergebnisse kommen, da kann ich mir dann neuen Tee in der Küche eingießen. Nein die Saison 2019/20 ist für mich beendet.

    Und damit ich auch ja nicht in Versuchung komme, habe ich in meinem Internetradio für 18:00 Uhr eine Livesendung geplant. Denn wie Du schon schreibst, der Geist ist willig … 😀

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  2. Die haben wohl wirklich die Option Stadionton mit „Atmo“ unterlegt, ahbe ich mir eben erzählen lassen. Wer’s braucht…

    Wenn doch manche tieferen Spielklassen in Folge all dessen eine Renaissance erleben würden, dann hätte das sogar noch was gebracht. Nur geträumt, klar… 🙂

    Gefällt 1 Person

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