Über das Vermissen


Viele Menschen vermissen zu unterschiedlichen Zeiten die verschiedensten Dinge. Ich zum Beispiel vermisse meine Freundin, wenn sie mal wieder auf einer etwas längeren Geschäftsreise ist. Auch wenn sie mir das nicht immer glaubt. Oder einen Gyrosteller, wenn ich schon lange keinen mehr hatte. Diese wunderbare Melange aus feinstem Gyrosfleisch, Pommes, einer Unmenge von Zwiebeln und noch mehr Tsatsiki. Ab und zu zerreißt es mich förmlich. Was man aber tatsächlich auch vermissen kann, und dafür muss man sich nicht schämen, das ist ein Fußballspiel im Stadion Essen an der Hafenstraße 97a.

Dabei ist es noch nicht einmal nur das Spiel an sich, welches momentan wohl nicht nur bei mir gewisse Sehnsüchte weckt. Denn das Procedre rund um einen Spieltag, das beginnt ja schon drei oder vier Tage früher. Wenn man sich Gedanken über den kommenden Gegner macht, über die aktuelle Tabellensituation, halt über alles, was direkt oder auch nur indirekt mit dem Spiel, mit Rot-Weiss Essen zu tun hat. Einen Tag vorher dann, setzt meist das erste leichte Kribbeln ein. Ich beginne dann, den folgenden Tag in Gedanken durchzugehen. Nehme ich die S-Bahn oder den Bus, wann genau vor Spielbeginn möchte ich vor Ort sein; selbst so profane Dinge wie was ich anziehe spielen dann eine übergeordnete Rolle. Ich besaß mal ein Paar Glückssocken, und wenn ich diese trug, hat RWE nie verloren. Das hielt immerhin acht oder neun Wochen. Und ja – ich habe sie regelmäßig gewaschen. Am Spieltag selbst, ist dann alles nur noch ein eingespielter Automatismus. Das Checken der Sozialen Netzwerke (auch, ob man selbst noch einen blöden Spruch auf Twitter raushauen sollte), das Frühstück respektive Mittagessen, welches bei mir in der Regel viel zu schwer ausfällt sowie das Durchrechnen aller möglichen Ereignisse/Ergebnisse im Kopf.

heim

Im Stadion angekommen, setzt dann das große Kribbeln ein. In der Regel bin ich etwa 90 Minuten vor Anpfiff da, ich mag erst einmal die Stille, die der oft tosenden Stimmung vorausgeht. Etwas sammeln, konzentrieren. Auf was genau, das weiß ich auch nicht immer so wirklich. Noch eine kleine Stärkung, bevorzugt Mettbrötchen oder eine große Krakauer. Etwas trinken, immer wichtig. Dann die letzten Minuten vor Spielbeginn, der gewohnte RWE-Countdown, das Einsingen der Kurve, und schließlich: Adiole. Etwas, das für mich immer mit einer der Höhepunkte eines jeden Spieltags ist. Ohne Adiole wäre es nicht die Hafenstraße, die ich kenne und liebe. Das Spiel selbst, nun, da vermisse ich es ehrlich gesagt ein bisschen zu fluchen. Echt jetzt. Bevorzugt über die Spielweise des Gegners, den ich an diesem Tag selbstverständlich abgrundtief verachte. Nach jedem Tor, und natürlich nach einem Sieg das obligatorische Hochrecken der Faust, jeweils verbunden mit einem gutturalen Freudenschrei. Dann die Heimreise. Manchmal zerknittert, aber oft zufrieden und manchmal einfach nur glücklich. Das Spiel vor dem geistigen Auge Revue passieren lassen. Analysieren, vielleicht. Zuhause angekommen, endlich entspannen. Ein Bier, abschalten.

Ja, all das vermisse ich. Nicht so sehr, wie ich meine Freundin vermisse, wenn sie auf einer der erwähnten Reisen ist. Aber, ich vermisse es wirklich. Und ich hoffe, dass ich es sobald als möglich wieder erleben kann. Den Fußball und all das Große und Kleine drumherum, an der Hafenstraße 97a.

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