Horst Hrubesch und die „Nacht von Sevilla“

Wenn man von „Jahrhundertspielen“ spricht, dann sollte man besser ein bisschen vorsichtig sein. Denn es ist ohne Zweifel klar, dass ein Jahrhundert zwar sehr viel Platz für sehr viele gute Spiele bietet, aber nur sehr wenige, wirklich auserwählte Matches diese Bezeichnung auch tasächlich für sich in Anspruch nehmen können. Mein persönliches Jahrhundertspiel, mal abseits eines unvergessenen DFB-Pokalspiels von RWE, ist die magische „Nacht von Sevilla“, das Halbfinale der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich bei der Fußball-WM 1982 in Spanien. Und das, obwohl ich da noch ein ziemlich kleiner Stöpsel war. Oder vielleicht gerade deswegen. Denn die WM ’82 war die erste, die ich mehr oder weniger interessiert verfolgte und an die ich noch eine Handvoll Erinnerungen habe. Ich weiß jetzt nicht mehr viel über etwaige Spiele der Vorrunde, auch nicht über das Finale, welches gegen Italien recht unspektakulär mit 1:3 verloren wurde und mir nur noch maximal schemenhaft in Erinnerung geblieben ist. Ein gewisser Paolo Rossi war aber wohl hauptverantwortlich dafür, dass Italien schlussendlich den Titel gewann. Aber an welches Spiel ich noch relativ gute Erinnerungen habe, das ist ebendieses grandiose und nervenaufreibende Halbfinale gegen die Franzosen, an den letzten Elfmeter von Horst Hrubesch und meine erste Zigarette.

Dabei schien vor Anpfiff der Partie noch nichts darauf hinzudeuten, dass ich an diesem Abend alleine vor dem Fernseher tatsächlich Zeuge eines Jahrhundertspiels werden sollte. Denn die deutsche Mannschaft quälte sich bis dahin wie zu der damaligen Zeit gewohnt mit Rumpelfußball durch das Turnier [Anmerkung: Ich habe per se nichts gegen Rumpelfußball, wenn er denn erfolgreich ist]. Jedenfalls, soweit ich das als Kleinquark damals beurteilen konnte. Dazu hieß der Gegner Frankreich, mit einem bis dato herausragenden Michel Platini, die als klarer Favorit galten. In diesem Spiel, sowie wohl auch für den WM-Titel. Aber Ihr wisst ja, dass der Favorit nicht immer gewinnt und die Schönheit im Fußball nicht immer ausschlaggebend ist. Und das geht für mich in Ordnung.

Nun, zu meinen leicht angestaubten Erinnerungen. Das Spiel versprach sehr schnell deutlich mehr, als man im Vorfeld erwarten durfte. Es war wirklich flott, die deutsche Mannschaft war den Franzosen auch spielerisch nahezu ebenbürtig, und das obwohl die Aufstellung mit Recken – oder Panzer, damals im Ausland eine geläufige Bezeichnung für diesen Spielertyp – wie Briegel, Dremmler und den Förster-Brüdern eher auf Zerstörung ausgerichtet war, denn auf vermeintlich hohe Spielkunst. Zur Halbzeit stand es zu meinem leichten Erstaunen 1:1, den deutschen Treffer erzielte Pierre Littbarski, einer aus der eher kleinen Fraktion, die auch mit der Kugel und nicht nur mit den Beinen der Gegenspieler richtig gut umgehen konnten. In der zweiten Hälfte fielen dann keine Tore mehr, erwähnenswert aus dieser Phase ist eigentlich nur noch der legendäre Zusammenprall zwischen Toni Schumacher und Patrick Battiston außerhalb des Strafraums, wobei Zusammenprall vielleicht der falsche Begriff ist. Denn Battiston bekam von diesem nicht viel mit, vielmehr muss man im Nachgang von einem fragwürdigen Attentatsversuch Schumachers auf Battiston reden, da der Ball zum Zeitpunkt des Clashs schon etwa zehn Meter weg war. Aber ich war ja damals noch sehr jung und euphorisch, daher war ich ob dieser vermeintlichen Rettungsaktion erst einmal begeistert. Kann sein, dass ich auch „Ball gespielt!“ gerufen habe. Nun ja, so ein bisschen gesunde Härte… aber lassen wir das.

Jedenfalls, nach der Verlängerung, in der die deutsche Mannschaft schon mit zwei (!) Toren hinten lag und diesen Rückstand noch mit einem unglaublichen Kraftakt und Treffern von Rummenigge und Fischer egalisierte, kam es zum unvermeidlichen wie logischen Elfmeterschießen. Übrigens das erste bei einem WM-Turnier. Von vielen gehasst, von manchen akzeptiert, von mir tatsächlich geliebt. Ein Elferpöhlen, das ist für mich auch heute noch das Salz in der Suppe des Fußballs. Nicht immer gerecht, aber immer hochspannend. In diesem Spiel trafen die jeweils ersten fünf Schützen, bis dann auf deutscher Seite Uli Stielike verschoss. Der hernach auf dem Rasen sank und den Kopf in seinen Händen vergrub, einem Häufchen Elend gleich. Bemerkenswert, dass Toni Schumacher sofort auf ihn zuging und ihn tröstete. Und ihm wohl unter vier Augen versprach, den nächsten Elfmeter zu halten. Was ihm – Hurra! – auch gelang. Das war ungefähr der Zeitpunkt, an dem ich, alleine zu Hause, leider Gottes die erste Zigarette meines Lebens rauchte, so fertig war ich mit meinen kleinen Nerven (bin aber jetzt etwas über drei Monate so gut wie rauchfrei). In der Folge trafen beide Mannschaften noch einmal, bis ein weiterer Franzose verschoss.

hh

Und dann wurde Horst Hrubesch, den ich schon zuvor wohl an der Hafenstraße im Trikot von Rot-Weiss Essen spielen sah, aber daran habe ich wirklich gar keine Erinnerungen mehr, für mich zu einem Helden. Erst gegen Ende der zweiten Halbzeit eingewechselt, verlud er Ettori im Tor der Franzosen und schob den Ball lässig in die freie Ecke. Der letzte Elfmeter, die letzte Aktion des Spiels, der Weg ins WM-Finale von 1982. Manchmal bedarf es nicht viel, um einen kleinen Jungen glücklich zu machen. Horst Hrubesch tat es an diesem Abend, und ich habe das bis heute nicht vergessen.

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3 Kommentare zu „Horst Hrubesch und die „Nacht von Sevilla““

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