Horst Hrubesch und die „Nacht von Sevilla“


Zum 69. Geburtstag von Horst Hrubesch, eine kleine Hommage und Erinnerung.

Mein Lieblingsspieler von Rot-Weiss Essen, sowie einer meiner Lieblingsfußballer überhaupt, ist Horst Hrubesch. Einerseits wegen seiner 80 Tore in 83 Spielen für RWE, andererseits wegen eines Spiels der deutschen Nationalmannschaft, welches im Sommer 1982 in die Annalen der Fußballgeschichte einging und für mich eine Art Erweckungserlebnis darstellte.

Wenn man von „Jahrhundertspielen“ spricht, sollte man besser sehr vorsichtig sein. Denn es ist ohne Zweifel klar, dass ein Jahrhundert zwar sehr viel Platz für sehr viele Spiele bietet, aber nur sehr wenige, wirklich auserwählte Matches diese Bezeichnung auch tasächlich für sich in Anspruch nehmen können. Mein persönliches Jahrhundertspiel, mal abseits eines unvergessenen DFB-Pokalspiels von RWE, ist die magische „Nacht von Sevilla“, das Halbfinale gegen Frankreich bei der Fußball-WM 1982 in Spanien. Und das, obwohl ich da noch ein ziemlich kleiner Stöpsel war. Oder gerade deswegen. Denn die WM ’82 war die erste, die ich mehr oder weniger interessiert verfolgte und an die ich noch eine Handvoll Erinnerungen habe. Ich weiß jetzt nicht mehr viel über etwaige Spiele der Vorrunde, auch nicht über das Finale, welches gegen Italien recht unspektakulär verloren wurde und mir nur noch maximal schemenhaft in Erinnerung geblieben ist. Ein gewisser Paolo Rossi war aber wohl hauptverantwortlich dafür, dass Italien schlussendlich den Titel gewann. Aber an welches Spiel ich noch relativ gute Erinnerungen habe (mein Gott, das ist jetzt 38 Jahre her), das ist das erwähnte Halbfinale gegen die Franzosen, den letzten Elfmeter von Horst Hrubesch und meine erste Zigarette.

Dabei schien vor Anpfiff der Partie noch nichts darauf hinzudeuten, dass ich tatsächlich Zeuge eines Jahrhundertspiels werden sollte. Denn die deutsche Mannschaft quälte sich bis dahin wie zu der Zeit gewohnt mit Rumpelfußball durch das Turnier [Anmerkung: Ich habe per se nichts gegen Rumpelfußball, wenn er denn erfolgreich ist]. Jedenfalls, soweit ich das als Kleinquark damals beurteilen konnte. Dazu hieß der Gegner Frankreich, mit einem bis dato herausragenden Michel Platini, die als Favorit galten. In diesem Spiel, sowie auch für den Titel. Aber Ihr wisst ja, dass der Favorit nicht immer gewinnt und Schönheit im Fußball nicht immer ausschlaggebend ist.

Nun, zu meinen leicht angestaubten Erinnerungen. Das Spiel versprach sehr schnell deutlich mehr, als man im Vorfeld erwarten durfte. Es war wirklich flott, die deutsche Mannschaft war den Franzosen auch spielerisch nahezu ebenbürtig, und das obwohl die Aufstellung mit Recken wie Briegel, Dremmler und den Förster-Brüdern eher auf Zerstörung ausgerichtet war, denn auf hohe Spielkunst. Zur Halbzeit stand es 1:1, den deutschen Treffer erzielte Pierre Littbarski, einer aus der Fraktion, die auch mit der Kugel und nicht nur mit dem Gegenspieler richtig gut umgehen konnten. In der zweiten Halbzeit fielen dann keine Tore mehr; erwähnenswert in dieser Phase ist eigentlich nur noch der legendäre Zusammenprall zwischen Toni Schumacher und Patrick Battiston, wobei Zusammenprall eventuell der falsche Begriff ist. Denn Battiston bekam von diesem nicht viel mit, vielmehr muss man im Nachgang von einem Attentatsversuch Schumachers auf Battiston reden, da der Ball zum Zeitpunkt des Clashs schon etwa 10 Meter weg war. Aber, ich war ja damals noch jung und euphorisch, daher war ich ob dieser vermeintlichen Rettungsaktion erst einmal begeistert. Kann sein, dass ich auch „Ball gespielt!“ gerufen habe. Nun ja, so ein bisschen gesunde Härte… aber lassen wir das.

Jedenfalls, nach der Verlängerung, in der die deutsche Mannschaft schon mit zwei (!) Toren hinten lag und diesen Rückstand noch mit einem unglaublichen Kraftakt egalisierte, kam es zum unvermeidlichen Elfmeterschießen. Übrigens das erste, bei einem WM-Turnier. Von vielen gehasst, von manchen akzeptiert, von mir tatsächlich geliebt. Ein Elferpöhlen, das ist für mich das Salz in der Suppe des Fußballs. Nicht immer gerecht, aber immer hochspannend. In diesem Spiel trafen die ersten fünf Schützen, bis auf deutscher Seite Uli Stielike verschoss. Der hernach auf dem Rasen lag und den Kopf in seinen Händen vergrub, einem Häufchen Elend gleich. Bemerkenswert, dass Toni Schumacher sofort auf ihn zuging und ihn tröstete. Und ihm wohl versprach, den nächsten Elfmeter zu halten. Was ihm – Hurra! – auch gelang. Das war ungefähr der Zeitpunkt, an dem ich leider Gottes die erste Zigarette meines Lebens rauchte, so fertig war ich mit meinen Nerven (bin aber jetzt etwas über drei Monate so gut wie rauchfrei). In der Folge traf jede Mannschaft noch einmal, bis – Hurra! – ein weiterer Franzose verschoss.

Und dann wurde Horst Hrubesch, den ich zwar schon ein paar Jahre zuvor an der Hafenstraße im Trikot von Rot-Weiss Essen spielen sah, aber daran habe ich wirklich keine Erinnerungen mehr, für mich zu einem Helden. Erst gegen Ende der zweiten Halbzeit eingewechselt, verlud er Ettori im Tor der Franzosen und schob den Ball in die freie Ecke. Der letze Elfmeter, die letzte Aktion des Spiels, der Weg ins Finale.

hh

Foto Getty

Manchmal bedarf es nicht viel, um einen kleinen Jungen glücklich zu machen. Horst Hrubesch tat es an diesem Abend, und ich habe das bis heute nicht vergessen.

3 Kommentare zu „Horst Hrubesch und die „Nacht von Sevilla““

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