Leben in Zeiten der Coronakrise, Teil 3


In meinem letzten Blogeintrag schrieb ich, dass ich den Fußball tatsächlich vermissen würde. Nun, ich muss das nach knapp einer Woche ein bisschen konkretisieren. Denn ich vermisse nicht den Fußball. Ich vermisse nicht die Bundesligakonferenz auf Sky, nicht die Zusammenfassungen in der Sportschau, nicht die bemühten Erklärbärfilmchen im Aktuellen Sportstudio, welches ich zur Zeit wenn überhaupt nur leicht angeschickert verfolge. Schon gar nicht vermisse ich das teils unerträgliche Geschwätz, welches an einem Sonntagmorgen im Doppelpass auf Sport1 kultiviert wurde. Nein, was ich explizit vermisse, sind die 15, 20 Minuten vor Anpfiff einer wichtigen Partie im Stadion Essen an der Hafenstraße 97a.

97a

Wenn dir bewusst wird, dass ein wichtiges Spiel ansteht; wenn du merkst, dass sich die Eingeweide in dir leicht verkrampfen und deine Eier kribbeln. Sorry Mädels, aber das ist bei mir so. Ja, das vermisse ich wirklich. Fußball im Fernsehen: Nein.

Vielmehr setzt bei mir gerade eine Art langsame Abkehr vom Big Business Bundesliga ein. Denn die Ankündigung der DFL, den Spielbetrieb des umjubelten Premiumprodukts schon im Mai wieder aufzunehmen, stößt bei mir auf absolutes Unverständnis. Wer jetzt sagt: „Es geht dabei auch um die Existenzen von normalen Angestellten“, der hat recht. Wer jetzt sagt: „Ich komme ohne Fußball nicht aus, er fehlt mir so sehr“, okay, meinetwegen. Wer hingegen behauptet: „Der Fußball ist systemrelevant“ – ein klares Nein. Denn das ist er nicht.

Ich halte den Fußball für relevant, für interessant, für die schönste Nebensache der Welt. Aber nicht für systemrelevant. Und er hat nicht das Recht, sich über die Gesellschaft zu stellen. Mit Geisterspielen, bei denen trotzdem was weiß ich wie viele (wohl mindestens 100, 150, inklusive Spielern, Staff, Funktionären und Journalisten) Menschen auf ziemlich engem Raum zusammenkommen werden, mit avisierten Corona-Schnelltests alle drei Tage für alle Spieler. So, wie das Stand heute von der Bundesliga für mich kommuniziert wird, kann und will ich damit nichts anfangen. Es kann mir auch niemand erzählen, dass die DFL dabei an den kleinen Mann denkt, beim besten Willen nicht oder nur am Rande. Hier geht’s zuvorderst um das Big Business; um übertragende Sender, um strategische Werbepartner, um Cash. Wo ist die Moral, Baby, wo die Ethik? Ich weiß, da war schon vor Corona wenig am Start.

Und deswegen bin ich versucht, dem Profifußball für einen unbestimmten Zeitraum Adiós zu sagen. Verliere ich dabei etwas? Nein. Denn als Anhänger von Rot-Weiss Essen habe ich das Privileg, noch einen relativ authentischen, unverfälschten Blick auf den Fußball werfen zu können. Und unsere Probleme sind mir deutlich näher, als die eines Bundesligisten. Sie wären es selbst ohne Vereinsbrille. Sollten wir irgendwann einmal wieder in höhere Sphären vorstoßen, wird das Ganze selbstverständlich neu diskutiert. Aber bis dahin:

Nur der RWE.

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s