Leben in Zeiten der Coronakrise


Eigentlich sollte heute in der Regionalliga West das Spiel SC Verl vs. Rot-Weiss Essen stattfinden, der Zweite gegen den Dritten, sozusagen der vorläufige Showdown in Ostwestfalen. Wie wir alle schon länger wissen, fällt diese Partie flach, wie auch alle anderen Spiele in Deutschland seit über einer Woche, wie mittlerweile überall in Europa. Fußball, der Sport allgemein ist abrupt und vollends zum Erliegen gekommen. Zurecht, und trotz aller eilig herausgegebenen und optimistischen Neustarttermine wohl auf unbestimmte Dauer. Niemand kann zur Zeit mit Gewissheit sagen, wann und ob es überhaupt weitergeht, Spielzeiten im Fußball zu Ende gebracht werden können.

Absolut lobenswert in diesem Kontext ist die Initiative von RWE, Tickets für virtuelle Heimspiele der Restsaison inklusive Bier und Bratwurst anzubieten, welche bei einer Fortsetzung des Spielbetriebs in reale Eintrittskarten und B & B eingelöst werden können. An der Hafenstraße war man schon immer recht einfallsreich, in Krisenzeiten Lösungen zu finden, Ideen zu kreieren. Das gilt für den Vorstand ebenso, wie für das Umfeld. Rot-Weiss Essen, das ist oft auch ein Synonym für Zusammenhalt, für den unbedingten Willen, Krisen jedweder Art gemeinsam und erfolgreich zu durchschreiten. Was sich auch darin zeigt, dass Mannschaft und Staff geschlossen bis auf Weiteres in Kurzarbeit gehen, um die wirtschaftlichen Folgeschäden der Coronakrise abzufedern und den Verein zu entlasten. Chapeau, da kann und muss man einfach mal den Hut ziehen. Denn selbstverständlich ist das in der heutigen Zeit der Ich-AGs sicher nicht. Respekt daher an alle.

Aber, meine Gedanken sind in diesen Tagen eher nicht beim Fußball. Sondern bei den kleinen, manchmal so unwichtig daherkommenden Dingen des Lebens, die plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen. Wie zum Bespiel, einen – wie man früher dachte – ganz normalen Einkauf tätigen. Und da muss ich jetzt, sorry, die ganz große Keule rausholen. Denn was sich Teile dieser vorgeblich so zivilisierten Gesellschaft erlauben, was sich Einzelne herausnehmen, das geht mir auf gut Deutsch mächtig auf den Sack. Das Solidarverhalten dieser Gemeinschaft, es lässt über weite Strecken doch arg zu wünschen übrig. Ein Beispiel. Und nein, ich möchte jetzt nicht die gefühlt 421. Beschwerde über den mancherorts offensichtlichen Mangel an Toilettenpapier absondern. Anfang der Woche war ich beim örtlichen Edeka, für ein paar Sachen, eher unwichtig. Als plötzlich wie durch Zauberei eine mit Toilettenpapier prall gefüllte Europalette (keine Ahnung, woher die ursprünglich kam) durch eine Lagertür in den Verkaufsraum gerollt wurde. Die Szenen im Anschluss, die spotteten jeder Beschreibung. Ein um die 30, 35 Jahre alter Mann schob hastig eine Dame deutlich höheren Alters beiseite, nur um sicherzustellen, dass er noch mindestens vier oder fünf Pakete der anscheinend neuen Währung sein Eigen nennen kann. Würdest Du eine ältere Dame bedrängen, oder überhaupt irgendjemanden, nur um 50 Rollen Scheißhauspapier in Deinem Keller zu bunkern? Ich nicht, und ich bin noch nicht mal ein vollends guter Mensch. Ich habe mir nur eines der letzten Pakete genommen, reicht. Oder ich sehe Menschen, meist jüngere, aber auch ältere, die immer noch nicht den Ernst der Lage begriffen haben; die Open-Air-Parties feiern, die sich – jetzt Gott sei Dank durch Abriegelung nicht mehr – am Essener Baldeneysee treffen, um sich in einer Horde von 15, 20 oder mehr debilen Vollidioten ein Fassbier zu genehmigen. Was stimmt mit denen nicht?

Ich verstehe diese Mentalität nicht, ich komme damit auch nicht klar. Es liegt mir auch fern, den moralinsauren Zeigefinger zu erheben. Und so alt, so weise bin ich eigentlich auch noch nicht. Schon gar nicht ein Spießer. Aber was bitte geht in Menschen vor, die so handeln. Ich kann’s Euch sagen. Es sind exakt die, die damals auf der Titanic als Erste ins Rettungsboot gesprungen sind und dabei Frauen und Kinder ins Meer geschubst haben, oder über sie hinweggetrampelt sind. Und dabei bleibt festzuhalten – wir befinden uns nicht auf der Titanic. Wir sind nur in einer temporären Situation, die uns halt manchmal nicht erlaubt, unseren scheiß Einkaufswagen so zu füllen, wie es auf unserer tollen Einkaufsliste steht. Wie sagte der unvergessene Helmut Schmidt einmal, so lapidar wie treffend:

„In der Krise beweist sich der Charakter.“

Ich wünsche mir zwei Dinge. Erstens, zuvorderst, dass manche Menschen nur mal kurz in den Spiegel sehen. Und sich fragen, ob ihr Verhalten im Moment in Ordnung ist. Ob sie sich wünschen, dass andere so wären. Zweitens: ein bisschen Fußball, irgendwann in vielleicht absehbarer Zeit. Denn das wäre ein Indikator dafür, dass wir wohl über den Berg sind. Aber erst einmal ist wichtig, dass diese Gesellschaft sich endlich am Riemen reißt und sich solidarisch zeigt.

Nur der RWE, und bleib Mensch.

8 Gedanken zu “Leben in Zeiten der Coronakrise

  1. Schön, dass es Dir auch so geht. Ich kann diese Typen auch nicht verstehen. Das sind Egoisten, die nur sich und ihren Spaß sehen. Dabei ist es ihnen völlig egal, ob sie anderen damit schaden könnten. Oder sie bekommen es vor lauter Dummheit nicht mit. Fragt sich nur, was schlimmer ist.

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  2. Volltreffer vom Schmidt und von Dir. – Aber wurden diese Ignoranz und der Egoismus nicht jahrelang als „Freiheit“ gefeiert? Wer sich über andere hinwegsetzt, kommt weiter? Gerade diejenigen, die dann was von „Respekt“ faseln? Diese Charaktere demaskieren sich jetzt zu 100 Prozent. Vielleicht sollte man jetzt schon ans „danach“ denken: sollte man solchen Hohlbirnen nicht konsequenter entgegentreten, um letztlich das allgemeine Miteinander mal wieder auf ein Normalmaß zu bringen?

    Klasse Aktion übrigens von RWE. Einige andere verticken ja auch Geistertickets. Und lust auf ’nen rollenden Ball hätte ich auch mal wieder. Vielleicht schieße ich selbst einen durch den Garten 🙂
    Bleib gesund!

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    1. Catenaccio 07

      Dito 🙂 Nein, da geht es ja nicht mehr um die Freiheit des Einzelnen, die für mich unabdingbar ist (auch wenn ich jetzt Ausgangsbeschränkungen befürworte). Es zeigt sich einfach nur, dass sehr viele Menschen den Charaktertest nicht bestehen.

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      1. Eben, das ist ja der Punkt. Die Freiheit des Einzelnen ist sehr wichtig – aber sie endet eben auch dort, wo sie die Freiheit des Anderen bedrängt oder einschränkt. Und das sehe ich seit Jahren eingerissen und genau diese Typen sind es nun, die den alten Leuten zum Beispiel das Klopapier weghamstern.

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