„Was für ein gottverdammter Scheißendreck!“


Manchmal zucken die Mitmenschen in meiner Umgebung erschrocken zusammen, oder auch nur ein bisschen mit den Schultern. Nicht etwa, weil ich zwei verschiedenfarbige Socken trage, mein Hosenstall offen ist oder ich mit dem falschen Deodorant unterwegs bin. Nein, weil ich hin und wieder fluche wie ein von Gott verlassener Berserker.

Eigentlich ist das gar nicht meine Art. Ich werde nämlich durchaus geschätzt für meine innere Ausgeglichenheit (beim Sternzeichen Waage kein allzu großes Wunder), meine vollumfängliche Eloquenz sowie für meine Gabe, selbst die größten Katastrophen in der langen Menschheitsgeschichte stoisch mit Aussagen wie „Ja nun, das kann halt passieren.“ abzutun. Ob Coronavirus, Wein mit Kohlensäure, Klimawandel, warmes Bier, 4 Jahre Donald Trump, Reinigung der Katzenklos oder ein versalzenes Nudelgericht – „Okay, schauen wir einfach mal.“ Selbst als meine Freundin vor ein paar Wochen mit einem heftigen Friseurunfall zu kämpfen hatte, aufgrund dessen ihre ansonsten dezent roten Haare die Farbe einer knallorangen Warnweste annahmen, und sie selbst der Verzweiflung sehr nahe war – „Ach, das gibt sich schon wieder.“

Ja, ich bevorzuge tatsächlich, auf unerwartete, ärgerliche Ereignisse jedweder Couleur mit einem gewissen Langmut zu reagieren. Contenance, und das ist meine ich wirklich ernst, ist sehr wichtig. Es sei denn, es ist einer dieser Tage an der Hafenstraße 97a. So wie jetzt am Samstag. Dann kann es nämlich passieren, dass es von einer Sekunde auf die andere vorbei ist, mit der inneren Gelassenheit, mit Yin & Yang, mit dem Gleichmut des fortgeschrittenen Alters. Dann, mein Freund, beginnt die höllische Raserei.

Das kann noch im Stadion passieren, meistens kurz vor dem Schlusspfiff, oder erst auf dem Heimweg; in der S-Bahn, wartend am Hauptbahnhof, mitten auf der Straße. Das Ungemach, der Zwang, das gerade Erlebte zu verarbeiten, sucht sich einen Weg nach draußen; es will, es muss und es kann. Gestern erst rund zwei Stunden später, als ich schon wieder Zuhause war, in der Küche am Kühlschrank stand und es plötzlich aber so sicher wie das Amen in der Kirche aus mir herausbrach: „Meine Fresse ey, was für ein gottverdammter Scheißendreck!“ Dann weiß ein ganzer Stadteil im Essener Süden, so ganz ohne Radio, Internet oder Videotext, dass Rot-Weiss Essen heute ein Spiel verlor. Ein Spiel, welches besser nicht hätte verlorengehen sollen. Ich kann nämlich, wenn ich denn will, sehr laut sein. So laut, dass ganze Vögelschwärme in Schockstarre vom Himmel fallen, oder auch nur eine Nachbarin vom Balkon.

Aber, sind wir ehrlich, das gehört schon irgendwie dazu. Wenn Du an der Essener Hafenstraße sozialisiert wurdest, inmitten von glorreichen Triumphen und fürchterlichen Niederlagen; zwischen all diesen Spielen im Laufe der Jahre, der Jahrzehnte, die Dich als Fußballanhänger, als RWE-Fan zu dem geformt haben, was Du heute bist. Ich glaube, nicht alle Fußballfans haben das. In dieser Form. Man nennt es Emotionalität, auf allerhöchstem Niveau. Und so wird es weitergehen, in dieser Spielzeit, in den kommenden. Irgendwann bricht es immer heraus, aus Dir, aus mir. Entweder „still“ und heimlich Zuhause, oder brachial in aller Öffentlichkeit. Ein bösartiger Fluch, oder ein vollkommener Urschrei der Freude. Und das ist okay, denn beides ist Fußball. Wichtig ist immer nur – lass es heraus!

Nur der RWE.

2 Gedanken zu “„Was für ein gottverdammter Scheißendreck!“

  1. Moin. Stimmt.
    Die Klookschieter sagen zwar immer, Toleranz ist die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat sich aufzuregen, aber Klookschieter mögen viel wissen, nur nichts über die Emotionalität beim Fußball.
    Was für dich die Essener Hafenstraße ist, war für mich die Hamburger Straße in Braunschweig. Lang ist’s her. Aber ich verstehe dich sehr gut 😉

    Gefällt 1 Person

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