Der etwas ältere Mann und das rot-weisse Meer


Am Freitagabend, zur Partie Rot-Weiss Essen gegen den Bonner SC, war ich schon fast zwei Stunden vor Anpfiff im Stadion. Ich mag es bisweilen, wenn die Zeit es hergibt, über die noch fast leeren Tribünen zu schlendern um diese etwas ungewohnte Atmosphäre aufzusaugen. Man kann sich vor einem Spiel sammeln, Eindrücke auf sich wirken lassen und diese dann dem gegenüberstellen, was folgt.

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Etwa 70 Minuten vor Spielbeginn saß ich kurz auf der Haupttribüne hinter diesem etwas älteren Mann, ganz unten am Spielfeld. Und dieses Bild hat mich nachdenklich, fast schon – positiv – melancholisch gestimmt. Ich betrachtete die meiner Schätzung nach etwa 25 Jahre alte, schon leicht ausgefranste Stockfahne. Auf der dieser etwas ältere Mann wohl Unterschriften gesammelt hat, im Laufe der Jahre. Oder nach einem einzigen, für ihn herausragenden Match. Manche von Spielern, dessen Namen noch heute einen guten Klang an der Hafenstraße haben. Und manche vielleicht von anderen Spielern, die zurecht der Vergessenheit anheim fielen. Den Blick fest auf den Rasen gerichtet, blätterte er gedankenverloren in der kurzen fuffzehn des Spieltags, wohl mehr Gewohnheit, denn wirkliches Interesse. Denn ich glaube, dass er schon alles weiß und alles gesehen hat.

Es hat mir Spaß gemacht, mir vorzustellen, dass dieser etwas ältere Mann als Kind oder als Jugendlicher schon im Juni 1955 in den Essener Straßen unterwegs war, um zusammen mit zig Tausenden seinen Helden Rahn, Gottschalk, Islacker & Co. beim Empfang nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft zuzujubeln. Wie er schon damals eine Fahne mit sich führte, die er sich vom Boss höchstselbst signieren ließ. Dass er in seinen mittleren, schon etwas reiferen Jahren die beiden Aufstiegsspiele zur Fußballbundesliga an der Hafenstraße sah, 1978 gegen den 1. FC Nürnberg und 1980 gegen den Karlsruher SC. Die, obwohl beide nicht den erhofften Erfolg brachten, mit zum spannendsten und denkwürdigsten zählen, was man je an der Hafenstraße sah. Dass der etwas ältere Mann sich nach diesen Spielen in eine der damals noch zahlreichen Eckkneipen in Essen an den Tresen setzte, um die Enttäuschung um die verpassten Aufstiege in die Bundesliga mit etwas zu vielen Pils und einigen Runden an geselligen Würfelspielen vergessen zu machen.

Mir wurde schlagartig klar, wie viel Langmut, wie viel Nonchalance sich dieser etwas ältere Mann im Laufe der Jahrzehnte angeeignet haben muss. Was er mit Rot-Weiss Essen alles sah; heroische Siege und zerschmetternde Niederlagen, und das in einer Anzahl, die ich mir, obwohl ich jetzt auch keine 3 mal 7 mehr bin, gar nicht vorstellen kann. Ich dachte mir dann auch, dass er vielleicht gar nicht in den ach so wichtigen „sozialen“ Netzwerken vertreten ist, dass er nicht täglich die Artikel im RevierSport liest, manchmal diesen RWE-Blog hier oder einen anderen. Denn, was soll ihm ein juveniler Journalist noch groß erzählen, was soll ein Blogger denn bitte schreiben, was er nicht schon weiß und tausend Mal in all den Jahren selbst erlebt hat.

In diesem Moment, sofern meine Gedanken hier wirklich zutreffen, war dieser etwas ältere RWE-Anhänger für mich vom Glück gesegnet. Er gibt nichts mehr auf eine schnöde Tagesberichterstattung, die heute alles in Grund und Boden schreibt und morgen alles in den imaginären Fußballhimmel hebt, nur um sich selbst zu gefallen und Klicks abzugreifen. Er sieht die Spiele, er blättert gedankenverloren in seiner kurzen fuffzehn und er weiß Bescheid. Keiner macht ihm noch was vor, schon lange nicht mehr.

An diesem Freitagabend wird der etwas ältere Mann mal wieder sehr glücklich und sehr zufrieden nach Hause gegangen sein, oder in eine der wenigen verbliebenen Eckkneipen in Essen, um sich noch ein kaltes Pilsken zu genehmigen. Um vielleicht die eine oder andere Runde zu würfeln. Und ich wünsche ihm von Herzen, dass ihm das noch sehr viele Jahre vergönnt ist. Und vielleicht finden sich demnächst noch ein paar neue Unterschriften, auf seiner schon etwas älteren rot-weissen Fahne.

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