Alles kann, nichts muss


Wer zur Zeit als auswärtiger, nicht unbedingt fußballaffiner Mensch die Hafenstraße kreuzt, der denkt vielleicht, dass hier in Essen irgendeine neuartige Wunderdroge verkauft wird. Eine Substanz, die massenhaft Endorphine freisetzt. Glückliche, zufriedene und erwartungsfrohe Männer, Frauen und Kinder ziehen, teils in rote Gewänder gehüllt, alleine oder in kleinen oder größeren Grüppchen zu einem Stadion, welches unweit der Hafenstraße etwas zurückgesetzt in der Landschaft thront, wie eine architektonisch schön anzusehende Trutzburg des rot-weissen Widerstands. Und etwa zwei, zweieinhalb Stunden später verlassen diese Menschen dieses Stadion wieder. Noch glücklicher, noch zufriedener, und ihre Gesichter zeigen deutlich, dass ihre Erwartungen erfüllt wurden. Anscheinend wird in diesem Stadion noch mehr von dieser geheimnisvollen, aber ganz und gar ungefährlichen Substanz dargereicht. In Massen.

RWE1

Shiny Happy People

Auswärtiger, der Du all dies gestern oder in den Wochen zuvor gesehen und nicht verstanden hast: Es sind Anhänger von RWE, und das Stadion ist die Heimat von Rot-Weiss Essen. Und sei froh, dass Du diese Menschen nicht in der ersten Hälfte dieses Jahres dort gesehen hast.

Was also ist passiert? Um ein neues und finales Wortspiel zu bemühen: Wir sind titzianisiert worden. Und das freiwillig und ohne Gegenwehr.

Wie schon oben kurz angedeutet: Auch in der vergangenen Saison startete RWE ähnlich erfolgreich, auch damals war Optimismus (oder Euphorie, wem’s besser gefällt) deutlich in den Gesichtern der Fans zu erkennen. Bevor nach relativer kurzer Zeit die übliche Ernüchterung, die Schockstarre einsetzte. Denn von heute auf morgen wurde im Stadion Essen keine wundersame Erfolgsdroge mehr verabreicht, sondern nur noch ein schleichendes Gift.

Was also ist diesmal anders? So ziemlich alles, meiner Meinung nach. Denn dieses Mal, und das sieht jeder der sich auch nur ein bisschen mit Fußball beschäftigt, hat es der Trainer geschafft, der Mannschaft tatsächlich ein überzeugendes Spielsystem und dazu jede Menge Selbstvertrauen einzuimpfen. In der letzten Saison stimmten zwar zu Beginn ebenfalls die Ergebnisse, aber ein klar erkennbarer Matchplan war auch in den erfolgreichen Spielen nur schwer auszumachen. Und dieser wurde sträflich vermisst, als es in den folgenden Spielen gegen den Verein lief.

Ja, ich bekenne mich als überzeugter Titzianer. Ich sehe, dass diese Mannschaft schon in der Frühphase dieser Saison in weiten Teilen das umzusetzen zu vermag, was Christian Titz ihr mit auf den Weg gibt. Und ganz ehrlich: Der große Taktikfuchs bin ich jetzt wirklich nicht. Aber allein die Aufstellungen und die Wechsel in einem Spiel zeugen davon, dass hier jemand bei der Arbeit ist, der nicht jeden Spieltag seine 08/15-Mannschaft aufs Feld schickt. Vereinfacht gesagt: Der Coach macht bislang wirklich alles richtig.

Mir ist es auch eigentlich zuwider, einzelne Spieler im Falle eine Erfolgs oder Misserfolgs herauszupicken. Aber was ein Dennis Grote als eher defensiver Mittelfeldspieler hier auf den Rasen knallt, das ist aller Ehren wert. Spielaufbau, Spielverständnis, auch mal eine härtere Gangart; der Mann wirkt auf mich wie der Dirigent eins gut geölten Orchesters, welches er wie eine Tischdecke vor sich ausbreitet und dann mit den nötigen Utensilien bestückt. Der letzte dieser Art war für mich ein gewisser Víctor Hugo Lorenzón, der hier vor etwa dreizehn Jahren ein ähnliches Format an den Tag legte, aber leider das Pech hatte, in einer alles andere als funktionierenden Mannschaft aufzulaufen. Vielleicht meine ich das aber auch nur, weil ich ein Faible für argentinische Fußballer habe.

Auch muss man sagen, dass dieses Team sein Limit noch gar nicht erreicht hat. Es gibt noch sehr viele Stellschrauben, an denen gedreht werden muss. Gerade in der Offensive, denn die Chancenverwertung muss deutlich besserer werden, sonst geht das auch mal schnell in die Hose.

Nun, wie geht es jetzt vorerst weiter? Eigentlich ganz einfach. Wir genießen diese Wochen und hoffen, dass daraus Monate, vielleicht gar Jahre werden. Denn nicht viele Dinge im Leben sind schöner, als mit guter Laune zur Hafenstraße zu fahren, und diese mit noch besserer Laune zu verlassen.

Und ja, ich ahne es schon. Manchen ist das hier wieder viel zu optimistisch oder euphorisch. Aber wisst Ihr was? Fußball ist auch Tagesgeschäft. Und solange ich mit meinem kleinen Blog allen Grund dafür sehe, eben diesen Optimismus zu verbreiten, werde ich dies auch zu tun. Bei strahlendem Sonnenschein wie heute über Essen, was käme da auch anderes in Frage. Eben.

Nur der RWE.

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3 Gedanken zu “Alles kann, nichts muss

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