07 Fragen an Christian Titz


Titz

Hallo Christian Titz, und willkommen an der Hafenstraße. Neben der gefühlten Nummer 3 des Ruhrgebietsfußballs – die wir de facto ja wohl bald wieder sind – hat unsere Stadt auch kulturell/touristisch gesehen einiges zu bieten. Trotz Ihres immensen Arbeitspensums: Schon mal am Baldeneysee, in der Villa Hügel gewesen, oder den Doppelbock der Zeche Zollverein bestiegen? Auch das Museum Folkwang und der Gruga Park sind Orte, die weit über die Stadt Essen hinaus bekannt sein dürften.

Da ich auf Haussuche war, war ich bereits viel in Essen unterwegs. So habe ich die Stadt schnell kennengelernt. Natürlich konnte ich mir vieles noch nicht im Detail anschauen, das lässt der Tagesablauf momentan nicht zu, aber ich habe es zum Beispiel geschafft, den Baldeneysee kennenzulernen. Essen hat wirklich gute Orte und schöne Restaurants. Ich arbeite mich nun peu-a-peu durch die Stadt und lerne Menschen und Sehenswürdigkeiten kennen.

Ich war, wie wohl die meisten Fans RWE-Fans auch, ziemlich baff, als Marcus Uhlig nach der Trennung von Karsten Neitzel Ihren Namen aus dem Hut zog. Ehrlich gesagt hatte ich es nicht für möglich gehalten, dass ein Trainer mit Bundesligaerfahrung (und wohl auch Angeboten aus höheren Ligen) sich auf das, nennen wir es mal vorsichtig „Abenteuer Regionalliga West“ einlässt. Hand aufs Herz: Mussten Sie vielleicht länger als eigentlich geplant nachdenken, um diesen Schritt zu wagen?

Natürlich macht man sich Gedanken, wenn die Idee, einen Traditionsverein zu übernehmen, aufkommt. Vor allen Dingen, wenn man zu einem Verein geht, der über ein Jahrzehnt nicht mehr in den ersten drei Ligen vertreten war und die Sehnsucht dadurch umso größer ist. Man weiß, dass eine große Fanbase da ist, die hinter ihrer Mannschaft steht. Man weiß aber auch um die Gefahren. In der Regionalliga ist der sportliche Erfolg extrem schwierig zu erreichen, weil du in einer Liga mit vielen ambitionierten Teams spielst. Viele Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass man einen Aufstieg nicht mal so eben planen kann. Aber: Ich habe mir diese Faktoren durch den Kopf gehen lassen und wäre nicht hier, wenn ich die Aufgabe und dieses Projekt nicht als reizvoll erachten würde.

Pils oder Fanta?

Ich trinke gerne ein Glas Wein, aber ich bin auch Pils oder Radler nicht abgeneigt.

Ihren letzten Verein, den HSV, und RWE verbindet eine für mich generell sehr ärgerliche Tatsache. Der viel zu hohe Verschleiß an Übungsleitern. In den letzten zehn Jahren waren es 14 in Hamburg, 12 in Essen. Geduld existiert quasi nicht mehr, Panikentscheidungen sind in diesem Geschäft an der Tagesordnung. Für mich einfach nur eine Unsitte (auch wenn ich bei zwei Trainern hier in Essen froh war, sie nicht mehr sehen zu müssen). Können Sie dieses teils hektische Gebaren vor allem als Mensch irgendwie nachvollziehen?

Wir sind in einem hochemotionalen Ergebnissport, in dem man auf viele Menschen trifft, die meinen, sie wissen, wie es geht und diese Meinung auch öffentlich kundtun. Hier geht man zum Arbeitsplatz und wird den Tag über von Medien und Zuschauern bewertet. Das macht die Arbeit im Fußball so schwierig, weil auch handelnde Personen diese Bewertungen mitbekommen. Und für viele Menschen ist das ein ungewohnter Druck, mit dem sie nicht so leicht umgehen können. Am Ende sucht man einen Hauptverantwortlichen. Meistens ist das der Trainer. Wenn man dauerhaft Erfolg haben möchte, ist Kontinuität ein wichtiger Aspekt. Denn eine Saison verläuft in Höhen und Tiefen. Es gibt durchaus Vereine, die sich davon nicht beeinflussen lassen, wie zum Beispiel Freiburg oder Heidenheim, die eine klar erkennbare Vereinsphilosophie haben, wissen, wie ein Verein mit seinem Wertesystem auftreten möchte, die eine Spielidee und eine klare Vorstellung davon haben, wie die handelnden Personen sein sollen. Man muss in schwierigen Phasen ruhig bleiben und zusammenstehen. Dazu gehören nicht nur die handelnden Personen, sondern auch die Personen um den Verein. Die können auch eine Stimmung in verschiedene Richtung beeinflussen. Das benötigt aber Zeit und ist ein ständiger Entwicklungsprozess im Fußball. Ich glaube – und das zeigen auch die oben genannten Beispiele: Wer dauerhaft erfolgreich sein möchte, muss auch dauerhaft auf verschiedenen Ebenen besetzt sein und sollte diese nicht ständig durchwechseln.

In den letzten sechs, sieben Spielzeiten war ich teilweise entsetzt, dass die jeweiligen Mannschaften von RWE nicht oder nur sehr selten dazu in der Lage waren, eine gewisse Kontinuität an den Tag zu legen. Man hatte auch das Gefühl, dass nach zwei oder drei Niederlagen in Folge der Faden riss; dass der Kopf bei vielen Spielern einfach zumachte. Dabei ist eine ausgeprägte Mentalität genau das, was das Publikum hier an der Hafenstraße erwartet. Wir verzeihen so manchen schlechten Kick, wenn wir erkennen, dass die Einstellung der Spieler, des Teams in Ordnung ist. Wie reagieren Sie als Trainer, falls Sie merken sollten, dass ein Spieler, vorsichtig ausgedrückt, vielleicht Mentalitätsprobleme hat? Oder einfach dauerhaft nicht dazu in der Lage ist, das auf den Platz zu bringen, was im Vorfeld einer Partie besprochen wurde?

Ich habe hier schon häufig gehört: „Wir sind froh, dass du hier bist, aber wir müssen aufsteigen. Wenn das nicht passiert, wird es unangenehm.“ Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es so nicht funktioniert hat. Ich kann diese Sehnsucht nach Erfolg natürlich nachvollziehen, weil die Menschen aufgrund der langjährigen Abstinenz in den höheren Ligen eine gewisse Ungeduld haben und trotzdem noch mit einer Vielzahl ins Stadion strömen. Man kann aber nicht immer erwarten, dass man einen Spieler in ein neues Umfeld und eine andere Mentalität setzt und davon ausgehen, dass er sofort funktioniert. Das heißt: Wir haben eine klare Idee, eine Mannschaft aufbauen zu wollen, die eine zu RWE passende Mentalität inklusive der notwendigen Stressresistenz entwickelt. Wenn wir dabei von einem drei- bis sechs-monatigen Prozess sprechen, ist das optimistisch. Diesen Spagat versuchen wir hinzubekommen. Dies wird besser funktionieren, wenn Fans und Mannschaft aufeinander zugehen und für das Gegenüber Verständnis zeigen. Aber ich gehe davon aus, dass unsere treuen Fans uns unterstützen und nach vorne peitschen werden.

Rolling Stones oder Beatles?

Ich war im Stadion beim Champions League-Halbfinale zwischen FC Liverpool gegen FC Barcelona und nach Spielende haben sie dort einen Beatles-Song gespielt. Das ganze Stadion hat voller Inbrunst mitgesungen. Das war beeindruckend.

Hier in Essen herrscht wieder einmal vor Saisonbeginn großer Optimismus vor, teils sogar Euphorie. Ich selbst zähle mich zu den – wenn auch ab und an nörgelnden oder warnenden – Daueroptimisten, die vor jeder Spielzeit vom bestmöglichen Ausgang ausgehen, sprich, von Tabellenplatz 1 bis 3. Ich weiß natürlich auch, dass Erfolg nicht planbar ist. Weder durch gestiegene finanzielle Mittel, noch durch den richtigen Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Die Krux ist nur – wir alle hier in Essen hoffen sehnsüchtig darauf, diese Schweineliga zu verlassen. Und falls am Ende die Meisterschaft stehen sollte, wartet da immer noch die unselige Relegation gegen den Ostmeister. Ihre Meinung zur eigentlich überfälligen Reform der Regionalligen?

Dinge, die ich nicht beeinflussen kann, möchte ich nicht thematisieren. Ab dem Moment, in dem wir darüber sprechen, werden sie in unserem Kopf stattfinden. Die Liga ist so, dass man eine Relegation spielen muss, wenn man aufsteigen möchte. Das ist ein Fakt und den werden wir genauso wie alle anderen hinnehmen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man nicht gut beraten ist, wenn man zu weit in die Zukunft schaut. Wir müssen beginnen von Spiel zu Spiel zu denken und uns als Mannschaft entwickeln. Das mag nach einer Phrase klingen, für mich ist das aber die zielführende Herangehensweise.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Und viel Erfolg an der Hafenstraße, verbunden mit den besten Wünschen für Sie und Ihre Familie.

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6 Gedanken zu “07 Fragen an Christian Titz

    1. Catenaccio 07

      In der Vorbereitung ist es besser, sowas schriftlich zu machen. Ich bin auch ein großer Freund davon, dem Gegenüber alle Zeit zum Nachdenken zu geben. Deswegen hasse ich auch diese „Interviews“ direkt nach Abpfiff am Spielfeldrand.

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      1. Die TV- Interviews am Spielfeldrand schaue ich mir schon lange nicht mehr an. Aber nachdenken lassen dürfen sie die Spieler auch gar nicht. Selbst dort ist inzwischen die Liga mit der Stoppuhr dabei. Es geht nur noch um Sendematerial…

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  1. Weingenuss Calmont

    Meiner Meinung nach hat Rot Weiss eine so Starke Mannschaft schon lange nicht mehr gehabt.
    Wenn ein Guter Saisonstart klappt,siehts auch für die Moral gut aus.
    Nur würde ich,jeder hat ja ne andere Meinung,noch das i Tüpfelchen verpflichten,um den Fan den letzten Zweifel zu nehmen.
    Taschenrechner nehmen,und nachdenken,zb:Holtby verpflichten,schon hat man 8000 Dauerkarten verkauft und mehr?
    Geht ein kleines Risiko….und lass uns 2 mal aufsteigen(interessant dann in Liga 2 auch für andere Sponsoren.
    In diesem Sinne nur der RWE

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    1. Oh, oh, oh! Holtby in die Regionalliga. Da hätte ich meine Zweifel. Die Regionalliga ist zwar gut für die Traditionsvereine, die in den sechziger Jahren ihre Sportstadien verkauften und trotzdem nicht mehr auf die Beine kamen. Aber ich bin gegen den Kauf von perspektivlos gewordenen Spielern.

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      1. Weingenuss Calmont

        Das mag wohl sein,aber der Name würde ziehen,und auch der Spieler selbst
        ist immer noch gut genug uns weiterzuhelfen
        Ist ja auch nur ein Beispiel,und muss nicht unbedingt Holtby sein
        Halt jemand der die Fans ins Stadion zieht.
        (und natürlich bezahlbar)
        Mehr Fans,mehr Geld,mehr Möglichkeiten
        Die Richtung muss eh sein,Aufstieg,und dann gleich nochmal hoch.
        Ich kanns nur immer wieder sagen,ab 2 Liga gehts ums Geld.
        Nur der RWE

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