Willkommen in Absurdistan


Manchmal gibt es Spiele, die einem kurzfristig die Lust am Fußball nehmen. Das Finale der Europa League gestern zwischen Chelsea und Arsenal gehört vollumfänglich dazu und steht nun ganz weit oben auf meiner Liste.

Eigentlich weiß man gar nicht, wo man da anfangen soll. Beginnen wir einfach mit dem Austragungsort. Baku in Aserbaidschan war mir bis vor kurzer Zeit gar nicht wirklich bekannt. Zum ersten Mal hörte ich von der Existenz dieses Landes, als der Formel 1-Zirkus – noch unter dem Sitzriesen Bernie Ecclestone – seine Zelte dort aufschlug. Ihr wisst schon, dieser ältere weißhaarige Brite mit den meist ein wenig jüngeren Frauen, der die Formel 1, die früher wirklich mal spannend war und auch noch etwas mit Racing zu tun hatte, durch seinen ausgeprägt demokratischen Führungsstil zu neuem Glanz verhalf. Unter anderem dadurch, Rennen vermehrt in zauberhafte, dem Rennsport immer schon verbundene, lupenrein demokratische Länder wie Bahrein, Singapur, Russland, China, Abu Dhabi oder eben Aserbaidschan austragen zu lassen. Natürlich nur aus Gründen der globalen Völkerverständigung, keinesfalls wegen schnöder finanzieller Interessen. Und wer will schon Rennen in Silverstone oder auf dem Hockenheimring sehen, doch wohl niemand mehr.

Diese monetären Interessen sind in Aserbaidschan auch gar nicht relevant. Schließlich hat diese zauberhafte Destination, südlich an den Iran grenzend, noch etwas weiter östlich hinter dem Kaspischen Meer liegt Turkmenistan, so viel zu bieten, was auf Organisatoren von Sportevents einen großen Reiz ausübt. Ein autoritäres Regime, einen guten Platz 162 auf der Rangliste der Pressefreiheit, erwiesene Wahlfälschungen und ganz allgemein einen hervorragenden Ruf. Dass Aserbaidschan über immens große Ölvorkommen verfügt, sei nur am Rande erwähnt und dürfte im Zusammenhang mit der Vergabe von Sportereignissen sicherlich keine große Rolle spielen. Schließlich ist Geld nicht alles, nicht wahr.

Aber kommen wir zum gestrigen Spiel, zum Fußball. Dass die beiden Klubs Chelsea und Arsenal nur jeweils ein Kartenkontingent von etwa 6.000 Tickets zugesprochen bekamen, liegt sicherlich an dem Umstand, dass dieses Finale bei der einheimischen Bevölkerung auf reges Interesse stieß. Ein Hauptgrund dafür dürfte die zuschauerfreundliche Anstoßzeit um 23 Uhr Ortszeit gewesen sein, welche geradezu dafür geschaffen ist, sich ein Spiel live im Stadion anzusehen. Da ist der Kopf noch hellwach, der Biorhythmus am Anschlag und man hat wirklich große Lust. Passender wäre da nur ein Anpfiff um 5 Uhr morgens, noch bevor man mit seinem Hund Gassi geht. Oder gerade aus der Kneipe kommt. Beleg dafür ist die Tatsache, dass das knapp 70.000 Zuschauer fassende Nationalstadion in Baku, umgangssprachlich auch liebevoll Olympiastadion [sic] genannt, mit rund 51.000 Besuchern fast, also wirklich fast ausverkauft war. Ich gehe jetzt auch nicht davon aus, dass viele tausende Plätze vorrangig von Funktionären, Sponsoren und Günstlingen jedweder Art belegt wurden, das übersteigt einfach meine Vorstellungskraft.

Auch entfaltete dieses Stadion samt Atmosphäre vor dem Fernseher sitzend einen fast schon magischen Charme, dem ich mich nur durch kurzfristiges Einnicken entziehen konnte. Eine riesige Betonschüssel mit Laufbahn, die mich unweigerlich an die faszinierenden Größenwahnklötze des Warschauer Pakts erinnerte. In dieser, man kann es nicht anders sagen, eine Stimmung herrschte wie weiland im Azteken-Stadion von Mexiko-City (RWE-Fans werden sich jetzt an etwas erinnern). Südländisches, überschäumendes Ambiente eben. Lebendsfreude pur.

Dass der Arsenal-Spieler Henrikh Mkhitaryan von seinem Verein vorsichtshalber nicht ins Aufgebot berufen wurde, weil Aserbaidschan und Armenien ein bisschen Beef haben, geschenkt. Denn dass zwischen zwei Ländern ähnlicher Bauart (Armenien liegt aber immerhin auf Platz 79 der Rangliste der Pressefreiheit) schon mal etwas Stress vorkommt, ist als normal, als gegeben zu betrachten. Man muss da jetzt wirklich kein Fass aufmachen.

Zuguterletzt war ich auch von der Stimmung nach dem Spiel, also bei der Siegerehrung (ich war da wieder kurz wach) sehr angetan. Ausufernd, wild, ein Feuerwerk der Emotionen. Gut, nach jedem Sieg im Niederrheinpokal ist an der Hafenstraße zu Essen in etwa doppelt so viel und dreifach solange Party auf dem Rasen und auf den Rängen, aber da kann man halt nichts machen.

Aber, und dieser Gedanke reifte dann heute Morgen trotz aller inneren Widerstände doch in mir: Vielleicht ist es trotz der beschriebenen Vorzüge doch nicht die beste aller besten Ideen, ein europäisches Finale dieser Größenordnung in ein Land wie Aserbaidschan zu vergeben. Aber ich bin mir auch fast sicher, dass ich mit dieser Meinung so ziemlich allein dastehe. Oder?

Willkommen in Absurdistan.

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4 Gedanken zu “Willkommen in Absurdistan

  1. Oder wie der Guardian schrieb: Als würde ein Subbuteo- Tuch auf einem Snooker- Tisch ausgebreitet. – Und die Bude wird auch nicht bei Tickets für zehn Euro voll.
    Man muß diese Spiele noch öfter nach Baku vergeben, damit man dort Fußball „üben“ kann. Olympiamäßige Ostblock- Massenchoreographien einstudieren und vielleicht eine Tribüne für die Präsidenten von Uefa und Aserbaidschan direkt am Spielfeldran, Platz ist ja da. Oder beide Präsi- Posten in Personalunion, wie wär’s damit?

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    1. Catenaccio 07

      Ganz in Ernst muss dieser Irrsinn bald ein Ende haben. Völlig irre, Finals in solche Länder zu vergeben. Aber mit der Katar-WM steht uns ja noch der „Höhepunkt“ dieser Absurditäten ins Haus.

      Gefällt 1 Person

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