Winning Ugly


In der letzten Zeit kam bei mir wieder einmal die Frage auf, welche der beiden Herangehensweisen beim Betrachten eines Fußballspiels die „wichtigere“, die existentiellere ist. Zum einen ist da ja die des schönen Spiels, die vor allem die Kunstfertigkeit im Umgang mit dem Ball berücksichtigt.

Zum anderen die des Winning Ugly.

Für das schöne Spiel, das Joga Bonito, steht exemplarisch die brasilianische Nationalmannschaft, welche seit Jahrzehnten mit einer geschmeidigen und anmutigen Ballfertigkeit die Fußballfans rund um den Globus begeistert, welche ihresgleichen vielleicht sucht aber wohl gar nicht finden kann.

Für das andere Spiel: zum Beispiel die argentinische Nationalmannschaft, die Albiceleste, welche temporär zwar auch eine gewisse spielerische Brillanz an den Tag legen kann, aber grundsätzlich eher dadurch besticht, den Gegner durch ein aggressives, körperbetontes Spiel, rückwärts gewandte taktische Kniffe sowie hin und wieder auf den ersten Blick unschöner Treterei auf die Knie zu zwingen. Winning Ugly.

„Gegen Arsenal, da hat der Jens Jeremies deren Franzosen Vieira umgetreten – aber übel! – , und als der wieder aufstand, hat der Jerry zu ihm gesagt: ‚Siehst du die Mittellinie? Kommst du da drüber, macht es aua! Hier aua, da drüben gut!'“

Mehmet Scholl

Nun, wie sich der geneigte Leser vielleicht schon gedacht hat: „Ich bin ein Argentinier.“ Also im Kopf.

Natürlich, letztendlich sind beide Komponenten wichtig, wenn man dauerhaft im Fußball Erfolg haben möchte. Es gab nämlich schon brasilianische Teams, zum Beispiel das um Sócrates und Zico in den 80ern, die haben einen wirklich berauschenden Fußball gespielt. Nur eben auch mäßig erfolgreich, weil aufgrund nicht enden wollender Ballküsserei die körperliche Komponente, der Kampf, deutlich zu kurz kam.

Andererseits hätte Argentinien nie und nimmer die WM 1986 gewonnen, wenn ein Diego Armando Maradona nicht durch seine Genialität und seine Geniestreiche eine spielerisch arg limitierte Tretertruppe durch das Turnier gedribbelt, geschossen und geköpft (hehe) hätte.

Ja, beides gehört zum Fußball dazu; ohne eine dieser Komponenten kannst du keine Erfolge feiern und Titel abhaken. Aber wenn man mich fragt, wie ich das gewichten würde: 60% Winning Ugly, 40% Joga Bonito. Denn ich kann es zum Beispiel auf der Tribüne an der Hafenstraße in Essen durchaus verzeihen, wenn eine Mannschaft spielerische und konzeptionelle Mängel aufweist, sich dafür aber den Allerwertesten aufreißt und faustgroße Rasenstücke mit großem Einsatz auf die Ränge tritt. Andererseits fehlt mir wirklich jedes Verständnis, wenn sich eine technisch beschlagene Truppe lethargisch und träge durch ein Spiel schleppt, ohne dass ich auch nur eine einzige formidable Blutgrätsche sehe.

Und ich fühle mich in meiner Meinung wirklich bestätigt, wenn meiner ansonsten nonchalanten Freundin, wie letztes Jahr beim müden WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko, nach der x-ten phlegmatischen Aktion eines deutschen Spielers das wunderschöne Bonmot Beiß ihm doch endlich mal in die Halsschlagader! entgleitet.

Ja, ich bin eher Argentinier. Kein Brasilianer. Und ich finde, dass das auch ganz gut zur Hafenstraße passt, oder passen sollte. 60/40. Winning Ugly & Joga Bonito.

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3 Gedanken zu “Winning Ugly

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