Schland is dead


Ich muss gestehen, dass ich immer gerne Länderspiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sah. Neben meiner natürlichen Zuneigung zur Squadra Azzurra und den Albiceleste. Klar, nicht so gerne wie Spiele von Rot-Weiss Essen, aber, trotzdem gerne.

Mein erstes bewusst erlebtes Turnier war die WM 1982 in Spanien. Mit dem grandiosen Halbfinale Deutschland vs. Frankreich in Sevilla, welches aus zweierlei Gründen in die Annalen des Fußballs einging. Zum einen dieses Foul von Toni Schumacher an Patrick Battiston (obwohl ich damals der Meinung war, dass der Tünn klar den Ball spielen wollte), zum anderen die atemlose Spannung, die dieses Match sukzessive aufbaute. Kulminierend im letzten Treffer des Elfmeterschießens, durch den Horst Hrubesch den Einzug ins Finale erzwang. Ich habe während dieses Spiels übrigens meine erste Zigarette geraucht. Ja, auch das kann der Fußball.

Auch in den folgenden Jahren habe ich die Turniere der heute sogenannten „Mannschaft“ (mein Gott, was für ein fürchterlicher Hunzbegriff, Herr Bierhoff) immer und meistens mit Leidenschaft verfolgt. Oft war’s ein ziemlicher Rumpelfußball, gerade in den 80ern, aber damit kam ich klar. Ganz besonders ist mir noch Italia ’90 in Erinnerung, für mich in allen Belangen die großartigste WM aller Zeiten. Man war jung, verfolgte den Fußball noch standesgemäß in der Kneipe, und: Weltmeister! In einem vierwöchigem Turnier, das wirklich Spaß von der ersten bis zur letzten Minute machte.

Selbst das Sommermärchen 2006, welches für manche schon den Kadavergeruch des sterbenden Fußballs und der alles beherrschenden Kommerzialisierung absonderte, kommt im meiner persönlichen Rückschau noch ganz gut weg. Vom geradezu obszönen Public Viewing einmal abgesehen, hatten wir eine gute Zeit bei herrlichem Biergartenwetter und vollumfänglich guter Laune. Okay, bis ein gewisser Andrea Pirlo im Halbfinale in Dortmund die deutsche Abwehr wie einen Fisch filetierte. Pirlo war eben Pirlo.

Aber dann, mit den Weltmeisterschaften 2010 und ganz besonders 2014, stellte sich bei mir ein seltsames Gefühl der Abwesenheit ein. Zwar waren das, was ja auch unbestritten ist, sportlich hochwertige Vorstellungen, aber eine vollständige Identifikation mit diesen Auftritten war mir nicht mehr richtig gegeben. Und das trotz des fulminanten 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien, trotz des erneuten Titelgewinns.

Ich weiß nicht, es fällt mir schwer es zu beschreiben. Am ehesten vielleicht mit dem Begriff Seelenlosigkeit. Ich konnte mich, ganz anders als früher, in diesem Teams oder in einzelnen Spielern nicht mehr wiedererkennen. Kein Toni Schumacher, kein Horst Hrubesch. Aber den meisten Spielern wird das wohl egal sein, sie haben ja jetzt sehr viele Follower auf Instagram.

Was sich nun gestern im beschaulichen Wolfsburg vor, während und nach dem Spiel gegen Serbien zugetragen hat, das war für mich die eigentlich schon lange erwartete Sollbruchstelle um zu sagen: Adiós, ich bin erstmal raus. Ich saß 90 Minuten wie konsterniert vor dem Fernseher, völlig fassungslos ob der Minusstimmung auf den Tribünen und der in meinen Augen trostlosen und blutleeren Darbietung der Nationalmannschaft.

Kein Toni Schumacher, kein Horst Hrubesch. Noch nicht mal ein Lothar Matthäus. Und keine Stimmung.

Tja, lieber DFB. Ihr habt Euch nun das Premiumprodukt erschaffen, welches Ihr wolltet. Ein seelenloses Konstrukt mit vielen seelenlosen Darstellern. Auf und neben dem Rasen, wie auf den Tribünen. Ich bin jederzeit bereit, mir wieder ein Spiel anzusehen. Aber bis das passiert, muss sich eine ganze Menge ändern. Und ich hege ehrlich gesagt nicht die Hoffnung, dass dies in absehbarer Zeit der Fall sein wird.

So oder so, ich fühle mich an der Essener Hafenstraße eh besser aufgehoben. Schland is dead. Good night and good luck.

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8 Gedanken zu “Schland is dead

  1. Vielleicht liegt es am älter werden. Vielleicht liegt es an den vielen anderen Abwechslungen im lebensalltag, die einem heutzutage widerfahren können. Und Fußball ist damit schon lange nicht mehr unser Leben. Ich schaffe es auch nicht mehr, ein ganzes Spiel am Stück zu betrachten. Es hat sich wohl ausgelebt. Meine zweite Liebe (Nordschleife) ist deutlich präsenter geworden.

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    1. Catenaccio 07

      Es fällt tatsächlich ab und an schwer, über 90 Minuten die Konzentration zu halten. Bin mir aber nicht ganz sicher, ob das an mir, oder an meinem Verein liegt.

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  2. Früher habe ich sogar Länderspiele im Stadion geschaut, aber das ist 20 Jahre oder mehr her. Kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen.

    Deinen Post kann ich zu 100% unterschreiben, es ist eine seelenlose Veranstaltung geworden. Ich bin da bei fast jedem Liga- Spiel eher „dran“ als bei dieser Truppe.

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  3. siegi.hartmann

    hall andre,

    gut und wirklichkeitsnah geschrieben- Kompliment mein freund
    Italien hatte die beste WM im 19.Jahrhundert.

    auf nach italien-neue WM holen, was Beckenbauer kann, schaffen wir auch,
    nimm kleingeld mit.

    gruss siegi hartmann

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  4. Ocebe stefan

    ICH GEHE MIT MEINEN CLUBS AUCH DURCH SCHLECHTE ZEITEN…….DAS HABE ICH BEI/MIT ROT WEISS ESSEN GELERNT ! ICH DRÜCKE DIE DAUMEN FÜR RWE. BVB. LIVERPOOL, JUVE UND TEAM DEUTSCHLAND IN JEDER DISZIPLIN ABER VOR ALLEM IM FUßBALL UND HANDBALL !! ICH BIN DURCH UND DURCH FAN !

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