Der eiserne Grundsatz


Achtung: in folgenden Zeilen kommt unerwartete und teils triefende Sozialromantik zutage. Wer damit ein Problem hat, besorge sich bitte ein Tempo oder liest einfach nicht weiter.

Seit nunmehr über 30 Jahren gehe ich jetzt zur Essener Hafenstraße. Nein, keine Sorge. Es folgt keine Story à la „Neulich am Klondike“. Ich muss ganz im Gegenteil gestehen, es gab auch die eine oder andere Pause. In meiner Zuneigung zu Rot-Weiss Essen; in meiner Bereitschaft, jedes Heimspiel zu sehen und mich permanent mit RWE, mit Fußball ganz allgemein zu beschäftigen. In den 90ern zum Beispiel, aber auch in den 00er-Jahren, gab es so manche Saison, in der ich (und einige andere auch) die Faxen einfach mal dicke hatten.

Gerade in den Neunzigern, dem Jahrzehnt der deutschen Wiedervereinigung, herrschte – und nein, ich habe die vielen großartigen Spiele im DFB-Pokal in dieser Dekade nicht vergessen – im Verein ein größeres wirtschaftliches Chaos, als dieser Tage in Venezuela. Was damals (Stichwort Kölmels Kinowelt, u.a.) im Verein hinter und auch ganz unverhohlen vor den Kulissen abging, das erinnerte teilweise an den Komödienstadl im Bayerischen Rundfunk, nur noch etwas weniger lustig. Oder an die skurillen Jahreshauptversammlungen des FC Schalke 04, aber bei den Blauen regiert das Chaos ja auch heute noch offensichtlich und das mit unverminderter Vehemenz. Ja, die Blauen sind schon ein merkwürdiges Volk. Und Gott sei Dank nicht meine Baustelle.

Aber auch in dem Jahrzehnt der Einführung des Euro gab es Spielzeiten, die, obwohl man sich auch schon mal in der 2. Bundesliga befand, spielerisch so unter aller Kanone waren, dass ein Besuch an der Hafenstraße bisweilen einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt gleichkam. Ohne örtliche Betäubung, wohlgemerkt. Ich fühle mich auch heute noch auf einem Zahnarztstuhl sitzend und höre förmlich das fiese Geräusch des Bohrers, wenn ich nur an Thomas Strunz denke. Claudia Effenberg wird schon ganz genau wissen, warum sie ihn verlassen hat. Natürlich nehme ich da alle Spiele heraus, in denen zum Beispiel Erwin Koen oder Sascha Wolf für RWE aufliefen. Bei den Jungs konnte man sich wenigstens sicher sein, dass manch Rasenstück oder Kniescheibe eines Gegenspielers eine recht lange und fast linerae Flugkurve absolvierte, bevor sie das Gesetz der Schwerkraft wieder gen Boden zog.

Jedenfalls, ich kann ganz und gar nicht von mir behaupten, jedes Heimspiel von Rot-Weiss Essen gesehen zu haben, seit ich zum ersten Mal die Flutlichtmasten des Georg-Melches-Stadions sah. Für manche ist das ja eine Art Frevel, für mich, sorry, war es manchmal einfach nur reiner Selbstschutz.

Aber was macht es nun eigentlich aus, Anhänger von Rot-Weiss Essen zu sein? Musst du jedes Spiel sehen, auch auswärts? Musst du Mitglied sein, Inhaber einer Dauerkarte oder gar kleiner oder mittlerer Sponsor? Nein, es ist nicht zwingend notwendig. Natürlich ist all das begrüßenswert; du zeigst mit diesen Möglichkeiten deine Verbundenheit zum Verein, du identifizierst dich mit Rot-Weiss Essen. Du stehst offen für ihn ein, du unterstützt ihn. Daher ist jede dieser Maßnahmen für sich gut und auch wünschenswert.

Aber was es tatsächlich ausmacht, Fan von RWE zu sein, das ist das, was in deinem Herz und in deiner Seele passiert. An jedem Spieltag, und auch in den Tagen dazwischen. Wenn du an einem Tag den Himmel auf Erden vorfindest, und sich am nächsten der Schlund der Hölle auftut. Wenn du vor Freude weinst, oder am Boden zerstört bist. Wenn du weißt, dass es – trotz aller Unzulänglichkeiten gerade auch der letzten Jahre – nur diesen einen Verein für dich geben kann. Wenn du ihm nahezu alle Fehler der Vergangenheit verzeihst, so wie du deinem Partner/deiner Partnerin alles verzeihst, eben weil du ihn oder sie liebst. Das ist es, warum du Anhänger von Rot-Weiss Essen bist. In Tagen voller Gram und Zorn, wie auch in Zeiten des Erfolgs oder der Hoffnung. An der Hafenstraße 97a.

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Es ist alternativlos, Anhänger von Rot-Weiss Essen zu sein. Das ist der eiserne Grundsatz.

P.S.: Natürlich ist es deutlich angenehmer, wenn dein Verein auch mal vom Erfolg geküsst wird. Das erwartest du ja auch hin und wieder von der Liebe deines Lebens.

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