Der Videobeweis, oder – wie man Emotionen killt


Heute tat ich das, was ein vernünftiger Mensch an einem Ostersamstag ohne eine Partie von Rot-Weiss Essen so tut. Ich habe mir Spiele der Bundesliga angesehen. Und mir ist wieder einmal – und diesmal ganz besonders – eine Monstrosität, eine Absurdität aufgefallen, die zwar relativ neu ist, die ich aber jetzt schon nicht mehr ertragen kann. Der Videobeweis in der Fußball-Bundesliga.

Es geht mir gar nicht um bestimmte Partien, oder um Lieblingsmannschaften, die bevorzugt oder benachteiligt werden. Auch ist es mir egal, ob die Anwendung des Videobeweises eine „Wahrheit“ ans Licht bringt oder nicht. Denn man ist mit den Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters immer ganz gut gefahren. Mal trifft es einen selbst, mal die anderen. That’s life. Nein, es geht mir eher darum, dass der Fan im Stadion schlichtweg verarscht wird.

Da bist du im Stadion und bejubelst ein Tor deiner Mannschaft. Emotionen pur. Tooooooor!, aus zigtausenden Kehlen. Du kennst diese Momente, diese Sekunden der Ekstase. Sie sind nahezu heilig. Fast wie der Moment, in dem du beim Beischlaf… ich schweife ab. Jedenfalls, sie sind der Grund, weswegen wir ins Stadion gehen. Wir warten auf diesen einen Moment, wir fiebern ihm entgegen.

Und dann das: der Schiedsrichter fasst sich ans Ohr. Und bekommt von einem Typen, der in einem Bunker fernab in Köln vor einem Bildschirm sitzt, einen Hinweis. Eventuell stand der Schütze des Tores eine halbe Schwanzlänge (sorry) im Abseits. Der Schiri formt mit seinen Händen ein Rechteck, trabt zu einem Monitor am Spielfeldrand und begutachtet die „umstrittene“ Szene. Um danach aufs Feld zurückzukommen und der staunenden Masse seine endgültige Entscheidung mitzuteilen.

Und jetzt die Krux: ist das nicht eigentlich vollkommen pervers? Du hast womöglich das Siegtor deiner Mannschaft gefeiert, den Sinn deines Lebens (zumindest für diesen einen Tag), und dann wird dir – im ungünstigsten Fall auch noch nach einer gefühlten Wartezeit von fünf Minuten – das so mir nichts dir nichts wieder genommen. Weil ein Typ, der gar nicht im Stadion ist, da eine Schw… nein, hier reicht es. Mit der schönen neuen Welt.

Es spielt für mich keine Rolle, ob hier etwaige Fehlentscheidungen korrigiert werden können oder nicht. Oder ob DFB/DFL denken und versichern, dass dieses System noch reifen muss und dann eine große Hilfe darstellt. Für „Gerechtigkeit“ sorgt.

Nein, denn eins wird sich mit dem Monster Videobeweis nie ändern, egal wie sehr man an ihm herumdoktort – du, der du als frenetischer Anhänger deiner Mannschaft im Stadion bist, wirst genau in diesem Moment verarscht, in dem du um deine Emotionen gebracht wirst. Und daran wird sich auch nichts ändern. Ganz egal, was irgendwelche weisen Herren dir auch erzählen.

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5 Gedanken zu “Der Videobeweis, oder – wie man Emotionen killt

  1. Dein Beispiel können wir sicher alle nachvollziehen. Aber dass ein gefeiertes Tor nicht immer ein Tor bleibt, gab es doch schon immer:
    Ich habe auch vor dem Videobeweis schon Tore frenetisch gefeiert, bis ich 5-10 Sekunden später die blöde Abseitsfahne im Bild gesehen habe oder den vorherigen Foulpfiff erst mitbekam.
    Auch vor dem Videobeweis kam es bereits vor, dass sich Schiri und Assistent nach einem diskussionswürdigen Tor nochmals eine Weile beraten haben und eine Entscheidung widerriefen.

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    1. Catenaccio 07

      Natürlich. Die von dir und mir beschriebenen Situationen gab es immer schon. Nur – man muss sie nicht noch künstlich herbeiführen. Und das Ganze auf die Spitze treiben. Wie gesagt, ich bin mit Tatsachenentscheidungen immer ganz gut gefahren. Ich bin auch per se kein Gegner von Neuerungen. Nur auf explizit diese kann ich gut und gerne verzichten.

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  2. Ich kann mich auch eher mit spontanen (Fehl-) Entscheidungen arrangieren. Zumal ich im Videobeweis jettz auch nicht die absolute Gerechtigkeit entdecke, die es so ja kaum geben kann. Der Kölner Keller ist eben keine „höhere Instanz“ und man hat ja auch schon erlebt, daß die Video-Refs genauso daneben lagen wie der Mann auf dem Platz. Der allerdings fein aus der Schußlinie genommen wird, weil der Buhmann der unbekannte Vierte in Köln ist.

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  3. Ja, man kann es bedauern, dass es ist wie es ist. Ich habe schon bedauert das die die Zeit „11Freunde sollt er sein“ im Profisport lange vorbei ist. Es geht halt um sehr viel Geld und wenn der Videobeweis das Profispiel gerechter macht und das ist letztlich bewiesen, soll er auch sein. In diesem System ist nur der Mensch die Schwachstelle und der muß üben.😉 Die Fans lieben ihren Sport, da wo der Videobeweis funktioniert auch weiterhin, im Tennis, Ski Alpin, Hockey, Foottball, Fechten, Eishockey, Cricket,Baseball usw.. Die Welt ein bischen gerechter ist doch auch ein gutes Ziel.🙋‍♂️

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