Die Darts-WM und ich


Kaum ein Sportereignis, vielleicht noch mit Ausnahme der traditionsreichen Vierschanzentournee, hat den geneigten TV-Zuschauer auf seiner heimischen Couch in der fußballfreien Zeit so sehr elektrisiert wie die Darts-WM; das spaßige Aufeinandertreffen von meist leicht schmerbäuchigen „Athleten“ vor einem zwangseuphorisierten Publikum im ehrwürdigen Londoner Alexandra Palace, im britischen Volksmund Ally Pally genannt (Anm.: Ich selbst besitze kein Sixpack, außer das kalte im Kühlschrank).

Schon beim Schreiben dieses ersten Absatzes musste ich mich ziemlich beherrschen, um nicht die nötige Contenance zu verlieren und in einen bitterbösen Sarkasmus zu verfallen.

Ja, ich weiß. Darts erlebt seit einigen Jahren einen regelrechten Hype, gerade in Deutschland. Es steht für mich auch außer Frage, dass es einer recht guten Konzentration sowie einem Restbestand an körperlicher Fitness bedarf, um einen oder mehrere Abende lang kleine Wurfpfeile aus 2,93 Meter Entfernung auf eine Scheibe zu schleudern. Und das auch noch im Stehen.

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Ich habe aber definitiv ein Probelem damit, dass diese TV-Gladiatoren der Neuzeit – so wie just geschehen – von einigen Medien als „Legenden des Sports“ tituliert werden. Hat ein Phil Taylor größten Respekt verdient, gerade von seiner Fanbase? Ja, natürlich. Aber bitte, liebe Leute: wo bleibt die hier absolut notwendige differenzierte Betrachtung?

Ein Muhammad Ali, der 1974 im Rumble in the Jungle in Zaire 8 Runden lang von George Foreman einem unfassbar brutalen Härtetest unterzogen wurde, bevor er mit der schieren Kraft seines Willens den Knockout anbrachte; ein Carl Lewis, der Medaillen aller Farben bei Olympischen Spielen und bei Weltmeisterschaften über 100 m, 200 m, in der Staffel sowie im Weitsprung erkämpfte; ein Diego Armando Maradona, el pibe de oro, der der fußballerische Held meiner Jugend war und ist – steht ein Darts-Spieler wirklich auf einer Stufe mit diesen Personen? Ist er in einer Reihe zu nennen mit Ole Einar Bjørndalen, Pete Sampras, Zinédine Zidane oder Ayrton Senna, mit wahrhaftigen Legenden des Sports? Mit Michael Jordan, John McEnroe oder Sugar Ray Robinson? Mit Helmut Rahn?

Nein. Denn bei allem gebotenen Respekt: Herr im Himmel, er hat nur Pfeile auf eine Scheibe geworfen.

Achtung: Kann Spuren von persönlicher Antipathie enthalten.
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4 Gedanken zu “Die Darts-WM und ich

  1. Sehr treffend beschrieben! Außerdem finde ich es noch bemerkenswert, wie es dieses Inselvolk von überschaubarer Größe es geschafft hat, nicht nur seine Sprache, Traditionen (die Royals), Musik, Fernsehen und Film über den Globus zu verteilen, sondern zugleich ihre Sportarten: Fußball, Tennis, Hockey, Golf, Rugby (der nächste Trendsport?) und jetzt auch noch Darts! Meine Antwort: Indem sie sich nie darum geschert haben, was andere darüber denken. Die Frage: Wo ist das deutsche Darts? Die Vierschanzentournee lockt seit Eddy the Eagle keinen Engländer vom Ofen hervor… Man hat eben seine eigenen Sportfeste…

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  2. Moin!
    I’m still walking in Phil Taylors Wonderland!
    Vor knapp 15 Jahren hat es mich erwischt.
    Der Dart Virus!er
    Mr. Taylor hat über Jahrzehnte (!) diesen „Sport“ geprägt.
    Er war der Erste, der ein strukturiertes Training schuf. 8 Stunden am Tag Pfeile auf diese blöde Scheibe schmiss…
    Nein, passt nicht ins „Sportler Hero“ Profil der Deutschen. Kein „Sommertraum“ Held.
    Aber ebenso wie Schachweltmeister größten Respekt verdienen, so verdient Mr. Taylor Respekt.
    Man muss es nicht verstehen, aber man muss es respektieren.

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    1. Catenaccio 07

      Meister Runsoenke! Es lag mir fern, Mr. Taylor oder seinen Fans ans Bein zu pinkeln. Nur zwei Dinge bitte ich zu beachten. A: Manche Blogeinträge überspitze ich ganz bewusst. B: Ich brauche keinen „Sommertraum“ oder einen „Sport Hero“ (mal abgesehen davon, dass Taylor zu einem aufgebaut wurde). Dieses Darts-Dings ist nun mal einfach nicht meins. Ich wünsche trotzdem viel Spaß, nächstes Jahr im Ally Pally.

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