Und am Ende weinten die Götter


Jeder RWE-Fan (jeder Fan eines anderen Vereins natürlich auch) hat wohl dieses eine Match, welches in seiner persönlichen Rangliste der größten Spiele aller Zeiten den absoluten und für immer unangefochtenen Spitzenplatz einnimmt. Hier ist meins.

Im Oktober 1995 war ich noch ein sehr, sehr junger Mann (Anm. des Verfassers: Bitte keine fiesen altersdiskriminierenden Witze in der Kommentarspalte). Mein Verein war damals schon etwas älter, spielte zu jener Zeit in der Drehtür zwischen zweiter und dritter Liga und war ziemlich cool. Im Kader tummelten sich Namen wie Grein, Landgraf, Pickenäcker, Dondera oder Helmig, die man heute getrost als meine jugendlichen Helden bezeichnen kann. Naja, vielleicht ist der Begriff Helden etwas überstrapaziert. Es waren ja keine Rettungssanitäter, Jetpiloten, Nobelpreisträger oder Ärzte, die eine Operation am offenen Herzen vollzogen. Aber es waren Spieler, Menschen, die meine Zuneigung zum Verein in jener Zeit geprägt haben. Und die heute noch fest in meinem Bewusstsein verankert sind.

Nun, an besagtem Tag stand das Achtelfinale des DFB-Pokals an, eben Rot-Weiss Essen gegen Bayer Leverkusen. Eine damalige Freundin war so warmherzig (verständnisvoll auch, muss man so sagen) und schenkte mir – da ich just im Oktober meinen noch sehr jugendlichen Geburtstag feierte – zwei Karten für das Spiel. Die Vorfreude war nicht gerade gering, denn im damaligen Bayer-Kader befanden sich solche Namen wie Paulo Sérgio, Rudi Völler und Bernd Schuster. Zwar alle nicht so lässig wie ein „Putsche“ Helmig, aber immerhin.

„Solch ein Pokalspiel habe ich noch nicht erlebt. Unvorstellbar aber wahr.“  Rolf Töpperwien

Und dann begann das Spektakel, welches auch heute noch, fast 22 Jahre später, unwiderruflich auf meiner Fußball-Festplatte gespeichert ist. Nicht nur, dass eine bravurös kämpfende und fulminant aufspielende RWE-Truppe dem Bundesligisten über weite Strecken überlegen war – nein, ich hatte nach einiger Zeit das Gefühl, dass dieses Spiel überhaupt nicht verloren werden kann. Es stellte sich etwas ein, was man vielleicht etwas überheblich mit Jungs, ihr könnt heute machen was ihr wollt, ihr habt hier an der Hafenstraße nicht den Hauch einer Chance beschreiben könnte. Obwohl Leverkusen dreimal in Führung ging (einmal sogar mit zwei Toren, zum 2:4) wusste ich irgendwann genau – dieses Spiel gewinnt RWE. Sonst keiner. Ich wusste das, meine Freundin wusste das, der Großteil der 25.000 Zuschauer wusste das. Es war die absolute und reine Wahrheit, alles andere stand in keinster Weise zur Diskussion.

Der Film

‏Diese Geschichte sollte nun eigentlich ein Happy End haben, wie alle guten Geschichten, Filme, Bücher oder Sportereignisse. Sie hat aber leider keins. Denn am Ende, nach regulärer Spielzeit, Verlängerung und einem rauschhaften 4:4, kam das, was manche Fußballfans lieben und andere hassen. Das unvermeidliche Elfmeterschießen. Pünktlich zu diesem setzte ein Unwetter ein, wie ich es bis zu diesem Zeitpunkt auch nur selten erlebt habe. Es goss aus riesengroßen Eimern, Sturmböen fegten durch das Georg-Melches-Stadion. Und wir haben dieses Elfmeterschießen verloren. Zurecht? Zu Unrecht? Ich weiß es nicht mehr, ich habe an die Minuten unmittelbar danach keine Erinnerung mehr. Aber egal ob Sieg oder Niederlage – ich wusste am nächsten Morgen, dass ich das großartigste Fußballspiel aller Zeiten gesehen hatte. Und an dessen Ende weinten die Götter.

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