Wer kümmert sich dieses Jahr um Oma?

Gastbeitrag von Nick Kluge, RWE-Fan im Kölner Exil.


Alle Jahre wieder das gleiche Problem. Die bucklige Verwandtschaft kommt an Weihnachten zu Besuch und keiner hat Lust, sich um Schwiegermutter, Oma und Co. zu kümmern. Die Lippen krampfhaft zu einem Lächeln zusammengeschürzt, so dass die Mimik irgendwie der von Simone Thomalla gleicht. Dazu ein Gute-Laune-Pegel, der irgendwo zwischen Berliner Taxifahrer und Claus Weselsky vor seinem ersten Kaffee schwankt. Die Geschenke? Selbstgestricktes, was in der Farbkombination selbst Claudia Roth zu abenteuerlich wäre. Dazu Rasierwasser, das man dann zu dem im Vorjahr stellt. Und dem davor.

So nähert sich das besinnliche Treiben langsam seinem Höhepunkt („Kommt uns doch mal wieder mit den Kindern besuchen – bei uns im Hunsrückgebirge ist es echt schön!“), und man überlegt sich still und heimlich, wieso man sich den ganzen Mist jedes Jahr aufs Neue antut. Wieso man sich wenige Wochen vorher irgendwie doch darauf freut nur um dann festzustellen – das hätte ich mir auch schenken können.

Der Kern dieser überzogenen Einleitung steckt doch gerade in den letzten beiden Sätzen. Freudige Erwartungen, die jedes Jahr aufs Neue enttäuscht werden? Wo gibt es denn so was!? Stimmt genau, an der Hafenstraße 97a.

Aber von vorne. Die Rückrunde der Spielzeit 2015/16 begann auf Platz 13. Punktgleich mit Velbert. Richtig, das Team, das sich am letzten Spieltag mit einer 0:4-Heimklatsche gegen Wiedenbrück aus der Liga verabschiedete. Die oberen Plätze musste man nicht etwa mit dem Fernglas, sondern viel mehr mit einem Teleskop suchen. Was aber müßig gewesen wären, denn der heiße Atem echter Ligaschwergewichte wie TuS Erndtebrück machte sich in unserem Nacken bemerkbar. Erndtebrück, die sich in der Hinrunde noch standesgemäß neun Hütten abgeholt hatten, schafften es dann tatsächlich uns an einem Dienstagabend mit 1:0 niederzukämpfen. Es war grauenvoll. Der deutsche Meister von 1955 war inzwischen nicht mehr als ein Aufbaugegner für die Dorfclubs der Liga. Unentschieden gegen Wegberg-Beek. Eine Truppe, die so viel in der Liga zu suchen hatte wie Alice Schwarzer im Playboy. Positiven Ausreißern (3:3 gegen Gladbach) folgten erneut Grusel-Auftritte gegen Düsseldorf, Viktoria und Tante Lotte. Oft war die Art und Weise, wie die Spiele verloren wurden, am erschreckendsten. Ohne wirkliche Torchancen, mit tiefstehenden Abwehrreihen und sinnlosem Gebolze spielten wir Angsthasenfußball und rutschten verdientermaßen immer tiefer in den Abstiegsstrudel. Die im Vorfeld der Saison propagierte „Festung Hafenstraße“ war ähnlich standhaft wie Timo Werner im gegnerischen Strafraum. Also folgte im April die einzig logische Konsequenz: Der menschlich sympathische, allerdings zu unerfahrene Trainer Siewert musste gehen (Prädikat: Er war stets bemüht) und wurde von Sven Demandt beerbt. Und endlich tat sich was. Die Premiere unter Demandt gelang und die Mannschaft gewann in Ahlen. Gefährdet wurde der Sieg nur durch ein paar wenige Idioten, die mit Pyrotechnik das Spiel an den Rand des Abbruchs trieben. Selbst wer „Pro Pyro“ ist erkennt: In einem so eminent wichtigen Spiel lässt man die Dinger stecken. Nicht besser waren der Boykott und die Sperrung des Blocks W2 gegen Velbert. Bei aller berechtigter Kritik, der man sicherlich Luft machen darf: Fans den Zutritt zur Tribüne verweigern und die Mannschaft in einer Situation hängen lassen, in der es wirklich um die Zukunft des Vereins geht, ist selbstdarstellerisch und vereinsschädigend. Dann lieber die Mannschaft bis zum Ende unterstützen und die gezeigten Leistungen unmittelbar nach dem letzten Spiel der Saison mit einem gellenden Pfeifkonzert quittieren.

Rot-Weiss duselte und krampfte sich bekanntermaßen weiter durch die Saison, bis am vorletzten Spieltag das Schicksalsspiel gegen Kray anstand. Sieg = Klassenerhalt, Niederlage = reale Chance auf Abstieg (bedachte man, dass am letzten Spieltag Borussia Dortmund II wartete) war die einfache Formel. Und RWE tat, was sie immer taten: Sie spannten die Nerven der Fans auf die Folter. Auf einmal lagen wir hinten, im eigenen Stadion. Mit 1:2. Gegen Kray. Eine geniale Minute inklusive Doppelschlag erlöste uns dann. Nicht genug danken kann man an dieser Stelle Oldie (und das ist keineswegs abwertend gemeint) Frank Löning. Mit seiner Erfahrung und seinem Alter nahm er als einer der wenigen den Abstiegskampf von Anfang an an und bewahrte uns mit seinen Treffern vor dem Abstieg.

Wie eben in der Einleitung auch, wuchs mit den Wochen die Vorfreude auf die neue Spielzeit. Unter dem knackigen Motto „ZusammenHoch3“ wurde Fan-Liebling Brauer zurück an die Hafenstraße gelotst. Mit den Liga- Routiniers Bednarski und Meier wurde dem jungen Kader ebenfalls etwas Erfahrung beigemischt, und so sollte die neue Saison doch endlich die Erwartungen erfüllen.

Es ging sogar gut los: Sieben Punkte nach drei Spielen – „Der RWE ist wieder da“ schallte es bereits gegen Bonn von den Rängen. Dass Wuppertal und Bonn als Aufsteiger und Wiedenbrück als Durchschnittsteam keine Übermannschaften sind, verkannten viele. Aber so sind wir eben in Essen. Meckern sobald es mal nicht ganz rund läuft und nach drei Spieltagen von der dritten Liga träumen. Sicherlich nicht immer konstruktiv, aber schön zu sehen, dass die Begeisterungsfähigkeit rund um RWE noch lebt. Die Träumereien platzten dann aber relativ schnell nach den Heimniederlagen gegen Viktoria und Gladbach. Highlight in diesen Wochen war da einzig das DFB-Pokalspiel gegen Arminia Bielefeld. Gegen die Ostwestfalen kämpfte sich die Mannschaft eindrucksvoll zurück, und wie alle Jahre wieder stand bekanntlich der Gang ins Elfmeterschießen. Ich weiß wirklich nicht, was wir verbrochen haben um jedes Jahr so vom Fußballgott gestraft zu werden. Gut, wenn man es nicht allzu streng sieht, gibt es auch bei uns im Stadion Fish & Chips (nur dass unser „Fish“ aus Lachsbrötchen besteht). Bis man sein Stauder aus den neuen, viel zu großen Bechern getrunken hat gleicht die Trinktemperatur gerne mal einem Pint und ja, auswärts benehmen sich unsere Jungs auch nicht immer besonders liebenswürdig. Aber macht uns das so Britisch, dass wir jedes Jahr aufs Neue im Elfmeterschießen rausfliegen? Lieber Fußballgott, kümmere dich bitte wieder um die Insel. Die Briten haben mit dem Brexit doch gezeigt, dass ihnen an fähigem Personal nicht viel gelegen ist.

Wie so oft glichen die kommenden Wochen einer Gelsenkirchener Zahnreihe – irgendwo war doch immer ein Loch erkennbar. Torreiche Spiele gegen Köln und Siegen (5:2 bzw. 5:1), aber ebenso bereits acht Spiele ohne eigenen Torerfolg. Das bedeutet de facto, dass RWE in 40% seiner Spiele kein Tor erzielt – viel zu wenig.

Inzwischen punktet man zwar relativ konstant gegen die „Kleinen“ der Liga, aber gegen „große“ Mannschaften und Mitkonkurrenten tut sich die Truppe schwer zu punkten. Exemplarisch dafür die letzten Wochen: Zehn Spiele ohne Niederlage, dafür aber auch viele Unentschieden gegen Gegner, die man hätte schlagen müssen. Nicht Licht und nicht Schatten, weder Fleisch noch Fisch.

Gegen Gladbach, Viktoria, Dortmund, Aachen und Oberhausen holte man lediglich zwei von 15 Punkten, und auch spielerisch zeigt die Tendenz in meiner subjektiven Wahrnehmung in den letzten Wochen klar nach unten. Spielerisch fand ich vor allem die erste Halbzeit beim 0:4 gegen Viktoria, wo man einfach die Tore nicht machte, deutlich besser als die 90 Minuten gegen Wuppertal. Am Ende ist Fußball aber, und die zwei Euro werfe ich gerne ins Phrasenschwein, ein Ergebnissport.

„ZusammenHoch3“ bedeutet nicht, dass innerhalb von drei Monaten die Wende gelingen soll, sondern innerhalb von drei Jahren. Als ich diesen Rückblick verfasst habe, überkam mich gerade bei dem Abschnitt über das Kray-Spiel ein ganz unangenehmes Magengefühl. Dass wir diese Saison deutlich stressfreier beenden werden, ist sicher. Auch Platz vier ist auf dem Papier nicht schlecht. Man muss also so ehrlich sein und sagen: Ja, im Vergleich zu letztem Jahr hat sich die Mannschaft deutlich weiterentwickelt und ist stabiler geworden. Zu der anderen Seite der Medaille gehört aber auch, dass wir bereits nach der Hinrunde mit dem Aufstieg wahrscheinlich nichts mehr zu tun haben werden. Dafür sind die drei über uns zu stark, zu konstant und einfach besser. Wir dürfen nicht vergessen woher wir kommen, aber die letzte Saison, die in keiner Weise den Ansprüchen genügt hat, darf nicht dazu dienen jetzt alles gut zu reden. Die Rückrunde sollte dafür genutzt werden, dass man das Spielsystem festigt, Erfahrung sammelt und gerade die jungen Spieler weiter einbindet. Dazu noch einen der Top 3, Aachen und Oberhausen schlagen und die Saison am Ende unter den Top 5 abschließen. Das wäre für mich realistisch und zufriedenstellend.

Und am Ende wissen wir doch alle – Aach nächstes Jahr werden wir wieder mit Oma und Konsorten verbringen. Weil es Familie ist und wir sie natürlich trotzdem lieben.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen vierten Advent, besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch.

Euer Domstadt Essener

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6 Gedanken zu “Wer kümmert sich dieses Jahr um Oma?

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