Elferpöhlen

Mein erstes Fußballerlebnis – TV, nicht Stadion – , das heute noch nachhaltig in meinem Kopf herumgeistert, ist das Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich bei der WM 1982 in Spanien. Ältere kennen dieses Drama als die Nacht von Sevilla. Ein Spiel, welches einem vorpubertären Jugendlichen an einem lauen Sommerabend im Juli in einem Abwasch vorführte, was Fußball so alles sein kann. Hoffnung, Entsetzen, Panik, Erlösung. Und die erste Zigarette.

1:1 nach 90 Minuten, ein 1:3 nach noch nicht mal zehn Minuten in der Verlängerung, dann doch noch, kaum zu glauben, ein 3:3. Elfmeterschießen. Uli Stielike verbaselt, Toni Schumacher hält daraufhin zwei Versuche der Franzosen, Horst Hrubesch verwandelt den entscheidenden. Humorlos und trocken in die Mitte, wenn ich mich noch richtig erinnere.

Alles drin, alles dran. Mittendrin, statt nur dabei. Wechselnde Führungen, ein wahnsinnig machendes Hin und Her, nicht gegebene Treffer, ein astreines – damals Tor des Jahres -Fallrückzieherding von Klaus Fischer, ein heroischer Luftkampf von Schumacher gegen Battiston (Kein Foul! Ball gespielt!) und am Ende die unvermeidliche Büchse der Pandora, der Deckel schon halb geöffnet – das finale, unvermeidliche Elfmeterschießen.

Am Fernseher, wie die meisten Elfmeterschießen, schon kaum zu ertragen. So wie viele folgende. ’90 Italien, Deutschland vs England. ’96 England, die üblichen Verdächtigen. Oder zuletzt vor einigen Wochen bei der WM, der Elferkrimi gegen Italien.

13706786_544722819055451_1774667337_n

Aber all das ist nur absoluter Kindergarten, wenn man einen Shootout live und in Farbe im Stadion seiner Wahl erlebt, wie zum Beispiel den am Wochenende zwischen Rot-Weiss Essen und Arminia Bielefeld in der 1. Runde des DFB-Pokals. Oder wie ein Jahr zuvor, ebenfalls in der 1. Runde gegen Fortuna Düsseldorf. Am selben Ort. Kein Wort, kein Begriff ist auch nur annähernd in der Lage zu beschreiben, wie man sich als RWE-Fan fühlt. In diesem einen Moment, in dem der entscheidende Elfer geschossen wurde. Und man ausgeschieden ist. Es ist der Moment, in dem jemand den Abzug der Pistole durchgezogen hat, die seit Beginn des Dramas auf deinen Kopf gerichtet wurde.

Ist ein Elfmeterschießen nun eine gerechte Sache? Ja, wahrscheinlich. Allemal besser als ein unsäglicher Münzwurf, oder ein Wiederholungsspiel zwei Tage später. Aber es kann der Vorhof zur Hölle sein, wie am Samstag im Stadion Essen. Ich werde wohl noch ein paar Tage brauchen, um den Ausgang zu verarbeiten. Kein Vorwurf an die Mannschaft, kein Vorwurf an den Schützen, der verschoss. Wie auch, es war ein geiler Kick. Mit einer einmaligen Atmosphäre an der Essener Hafenstraße. Aber wenn ich diese Entscheidungsfindung in einem DFB-Pokalspiel ab jetzt jedes Jahr mitmachen muss (darf?), dann brauche ich mir um eine Rente mit 65, 69 oder 84 keine großen Gedanken mehr machen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Elferpöhlen

Deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s