Über(-)Druck


Liebe Spieler von Rot-Weiss Essen,

ich dachte mir, ich schreibe euch mal einen Offenen Brief. Ist das anmaßend? Vielleicht, aber egal. Nun, da diese Saison auf die Zielgerade einbiegt und der rot-weisse Formel-1-Bolide alles andere als die Performance eines Ferrari an den Tag gelegt hat. Und, so muss man es wohl sagen, kein Ayrton Senna am Steuer saß.

Folgendes: Am Freitag steht bekanntlich das Spiel in Ahlen an. Verdammt wichtig. So wie alle Spiele danach. Bis zum Ende der Saison. Nur, macht euch bitte selbst keinen Druck. Hört sich jetzt etwas komisch an, oder? Denn man sollte ja meinen, dass, wer gegen den Abstieg spielt, einem immensen Druck ausgesetzt ist. Und vor allem – sich diesen Druck selbst macht. Seht ihr, eben da liegt der Hund begraben.

Ich sage euch jetzt mal, was Druck bedeutet. Druck ist, wenn ein Rettungssanitäter ein Unfallopfer aus einem gecrashten Wagen bergen und wiederbeleben muss. Druck ist, wenn ein Mann seine Frau, bei der gerade die Wehen eingesetzt haben, ins 35 Kilometer entfernte Krankenhaus bringen muss. Druck ist, wenn ein Bergsteiger in der Todeszone am Everest plötzlich merkt, dass eine Schlechtwetterfront aufzieht und ihm die Zeit wegrennt. Druck ist, wenn ein israelischer Kampfpilot über Syrien plötzlich zwei MiG-35 in seinem Nacken hat. All das ist mörderischer Druck, der einen wahrscheinlich richtig fertigmachen kann.

Schaut: Was ihr gerade verspürt, das ist vielleicht nicht unbedingt angenehm. Und ganz sicher ist es nicht das, was ihr euch zu Beginn dieser Saison vorgestellt habt; von unseren Erwartungen mal ganz zu schweigen. Es ist ganz sicher auch nicht förderlich, wenn irgendwelche Panneköppe Bierbecher und Feuerzeuge auf das Spielfeld werfen, oder Unmutsäußerungen das Niveau einer Mülltonne am Gelsenkirchener Hauptbahnhof erreichen. Da würde ich wahrscheinlich auch mal ins Grübeln kommen. Aber, ganz ehrlich, das sollte euch nicht belasten. Die meisten von euch sind noch recht jung, ihr habt noch 7, 8 oder mehr Jahre im Fußball vor euch. Der Passion, der ihr euch verschrieben habt. Und natürlich auch dem Job, den ihr euch ausgesucht habt. Ihr werdet noch viele Dinge erleben. Vieles, was euch gefallen wird. Vieles was nicht.

Was ich euch sagen möchte: Im Prinzip zählt nur der Druck, den ihr euch selbst macht. Und die Wertigkeit dieses Drucks. Okay, ganz ehrlich: Ich kann verstehen, wenn einige von euch eine gewisse Anspannung verspüren, in dieser Situation das Trikot von Rot-Weiss Essen zu tragen. Im Abstiegskampf. Aber – seht es mal anders. Ihr dürft dieses Trikot tragen. Sehr viele Menschen würden – lapidar gesprochen – dafür ihre Oma verkaufen. Denn auch wenn es manchmal ein Stück weit Ballast sein kann, so ist es doch immer vor allem eines: Eine Ehre und eine Freude. Ich bin mir sicher, ihr seht das ähnlich.

Also, macht einfach das, was in so einer Situation naheliegt. Fahrt Freitag nach Ahlen. Macht euch nicht fertig. Folgt euren Instinkten. Haut alles, wirklich alles raus was ihr habt. Nicht über 60, 70 oder 80 Minuten. Sondern über 90 plus Nachspielzeit, bis der Schiri abpfeift. Seid geil darauf, den Platz zu betreten. Pflügt den Rasen um. Seid dabei konzentriert, seid cool. Wenn das alles der Fall ist, kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Lebt euren Job, euer Ding. Für euch, und für diesen Verein. Das ist kein Druck, das ist das Leben.

„Geht’s raus und spielt’s Fußball.“

Franz Beckenbauer
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