Das Leben im Leben


Sicherlich bin ich nicht das, was man einen ängstlichen Menschen nennt. Ich hatte als Kind keine Angst zu Zeiten des Kalten Krieges, als sich Russen und Amerikaner ein atomares Wettrüsten bar jeder Vernunft lieferten. Wahrscheinlich sah ich das auch etwas pragmatisch, denn von einem Atomblitz dahingerafft zu werden erschien mir interessanter als einer mysteriösen Krankheit zu erliegen, oder von einer führerlosen (oder entführten) Straßenbahn im Essener Südviertel erfasst zu werden. Naja, zumindest wäre die Messe verdammt schnell gelesen. Gewesen.

Auch heute bin ich relativ angstfrei. Ob die Scheidung von einer manischen Ex-Frau, ein lauwarmer Tequila ohne Salz & Zitrone, der drohende Klimawandel oder politisch-religiöse Führer respektive Möchtegern-Führerchen, in deren Augen das Licht der Intelligenz und der Vernunft ganz offensichtlich komplett erloschen ist; all das erntet bei mir nur ein gelangweiltes und kurzes Schulterzucken. Das Leben geht schließlich weiter.

Das alles betrifft, soweit ersichtlich und vielleicht verständlich, das normale Leben.

Allerdings gibt es da noch ein Leben im Leben. Ein Leben, welches teilweise grotesker, unberechenbarer und auch brutaler erscheint, als das „normale“. Das Leben als Fußballfan. Explizit: Als Fan von Rot-Weiss Essen.

Es ist nicht so, dass dieses Leben das eigentliche überlagert, oder Priorität genießt. Ich kann diesem Leben die Rolle zuordnen die es verdient, den Raum lassen den ich für nötig erachte. Ich mag dieses Leben im Leben, sehr. Aber es beherrscht mich nicht.

Nichtsdestotrotz ist es für mich wichtig. Ich bin stolz darauf, Fan, Anhänger und Sympathisant von Rot-Weiss Essen zu sein. Ebenso wie ich stolz darauf bin, gelegentlich Mann, Freund und Liebhaber einer Frau zu sein. Es bringt Pflichten mit sich, sowie Verantwortung, Rechte und Aufopferung von beiden Seiten. All das ist mir bewusst, ich nehme es wissentlich in Kauf. Mit allen Vorteilen, allen Nachteilen und rundum allem was dazu gehört. In guten wie in schlechten Zeiten, nicht wahr. In beiden Leben.

Und deswegen habe ich zur Zeit ein Problem. Ich habe Zwangsabstiege erlebt, mehr als nötig. Abstiege sportlicher Natur, einige verdient, andere unerklärlich. Eine Insolvenz, nicht zu vergessen. Als Krönung die Selbstkasteiung 2008, die heute noch jedem Fan als „Lübeck“ bekannt ist. Wenn ich nun auf die aktuelle Tabelle sehe, wenn ich die bisherige Saison im Geiste Revue passieren lasse, wenn ich mir das Restprogramm ansehe – ich habe all das gerade noch getan -, dann habe ich ziemliche Angst. Und ich schäme mich dafür nicht. Angst, dass RWE in die Oberliga abgeht. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass man diesen Abstieg diesmal nicht unter der Kategorie „Betriebsunfall“ abhaken könnte. Nichts, was man in einer Saison mal eben wieder korrigiert. Es käme für mich – nur meine subjektive Meinung – einem Super-GAU gleich. Und vor diesem GAU habe ich tatsächlich ziemliche Angst, in meinem Leben im Leben. Ich habe Angst vor Samstag, wenn mit den Sportfreunden Lotte der Beginn des schweren Restprogramms zur Hafenstraße kommt. Nein, sorry. Mit strahlender und bedingungsloser Zuversicht kann ich jetzt nicht mehr dienen. Oder mit Durchhalteparolen, wie sie von Seiten des Vereins zuletzt oft zu hören waren. Das Einzige was mir bleibt, ist eine kleine Hoffnung. Dass man sich im Club bewusst ist, was hier gerade droht zu passieren. Und dass man für sich Konsequenzen daraus zieht. Natürlich nehme ich auch gerne ein mittelschweres Wunder, falls gerade eins greifbar ist. Aber ich sehe dieses Wunder gerade nicht. Beim wirklich besten Willen nicht. Und ich bin eigentlich Optimist. Und angstfrei.

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