Ich bin kein Star – holt mich trotzdem hier raus

Fußballer werden gerne als Stars bezeichnet. Besonders gut ist dies bei den Errungenschaften der Springerpresse, wie Bild oder Sport-Bild zu beobachten. „19-jähriger Bundesliga-Star von Hannover 96 mit 4,1 Promille auf dem Weg zur Tankstelle von der Straße abgekommen und sich 46 Mal überschlagen“. 19-jähriger Bundesliga-Star? Mit 16,5 Einsätzen in der 1. Liga, 3 Spielen für die albanische U19 als Einwechselspieler und mit einem Namen gesegnet, den ich wirklich noch nie gehört habe und der mich eher an ein Instant-Suppengericht erinnert?

Stars. Natürlich. Aber auch in anderen Publikationen und Medien werden mittelmäßige bis unterdurchschnittliche Fußballer teilweise abgefeiert, als wäre der Messias (oder der Leibhaftige) auf die Erde gekommen, um uns alle mit seiner puren Erscheinung in einen Zustand andauernder Ekstase zu versetzen. Aber ab wann ist ein Fußballer eigentlich ein Star? Wenn sein Account bei Facebook, Instagram etc. eine gewisse Anzahl von treu-doofen Followern erreicht hat? Wenn sein Style dermaßen angesagt ist, dass er regelmäßig in Szene-Magazinen auf dem Cover erscheint, die mit dem Kernthema Fußball nicht auch nur die Bohne zu tun haben? Wenn er bei Real Madrid spielt?

Oder zeichnet sich ein Star im Fußball vielleicht dadurch aus, dass er eine bewundernswert eloquente und vereinnahmende Haltung an den Tag legt? So wie etwa der Noch-Essener Kevin Behrens, der, gefragt, warum es ihn im an sich wirklich lebenswerten Essen nicht so ganz lange hielt, mit der weltmännischen wie staatstragenden Antwort „Ich habe mich in der Region einfach nicht wohl gefühlt“ aufwartete? Stopp. Wenn wir anfangen, Fußballer in Regionalligen als Stars zu titulieren, dann ist schon irgendwas leicht aus dem Ruder gelaufen. Also lassen wir es lieber. Und wünschen Herrn Behrens, dass er sich bei seinem mutmaßlich neuen Arbeitgeber, einem Drittligisten aus Erfurt, so richtig toll wohl und verstanden fühlt. Denn natürlich ist es sonnenklar, dass sich ein gebürtiger Bremer in Thüringen besser aufgehoben sieht als im Ruhrgebiet, samt seiner angrenzenden Regionen. Etwaige menschliche Versäumnisse dürften in dieser Frage sicher keine Rolle spielen, keine Rolle gespielt haben. Klar, oder? Glasklar.

Und ganz allgemein, um an den vorvorherigen Absatz anzuschließen: Es ist nicht jeder per Dekret ein Star, der hier irgendwo zwischen Bundes- und Regionalliga aufläuft und mit seinen Tretern dem Rasen in vielen Fällen einen irreparablen Flurschaden zufügt. Ein Star ist – sollte sein -, wer durch nachhaltige Leistungen in Erinnerung bleibt. Wer sich zu schade ist, in einer scheiß Modezeitschrift den Kasper zu geben. Wer in seiner Art, in seinem Wesen etwas darstellt, was man als Authentizität, als Glaubwürdigkeit bezeichnen kann. Stars in der Bundesliga? Wenn man nach der Sport-Bild geht, etwa 396. Wenn man mich fragt, vielleicht 10 bis 12. Wenn du ein Star sein willst, dann erbringe gefälligst die dazugehörige Leistung und Einstellung. Und falls du denkst du bist schon einer – dann liegst du meistens konkret falsch. Denn darüber entscheidest nicht du. Es wird dir nur eingetrichtert, von gierig-dreisten Beratern, deiner geilen Spielerfrau, der auflagenorientierten Presse und allen, die dir ewige Treue halten bis du 35 bist.

Noch ein Gruß an die Neuzugänge zur Winterpause von Rot-Weiss Essen. Nein, ihr seid auch keine Stars. Müsst ihr auch nicht sein. Aber wisst ihr was? Kein Problem, denn theoretisch könnt ihr zu einem reifen. Also beginnt gleich hier und gleich jetzt mit der Basis, für diese Stadt und diesen Verein. Rot-Weiss Essen lechzt danach, mal wieder einen Star hervorzubringen. Einen Versuch ist es doch allemal wert.


Auf die Idee zu diesem Text kam ich nicht durch das fast gleichnamige TV-Format, welches uns gerade wieder auf RTL beglückt. Ich habe nur heute Morgen viele Möchtegern-Stars auf 1Live gehört. Dadurch wird einem auf erschreckende Art und Weise bewusst, was man an einem wirklichen, echten Star wie David Bowie hatte.

 

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Ein Gedanke zu “Ich bin kein Star – holt mich trotzdem hier raus

  1. Guter Beitrag! Der Fußball lebt auch von dem Gewese, das um die Spieler gemacht wird. Viele Menschen brauchen Idole, weil sie selbst keinen Halt und keinen Fahrplan für ihr Leben haben und existieren durch ihre „Stars“, deren Leben sie im Geiste jedes Wochenende führen, als wäre es ihr eigenes.
    Herzlichen Gruß,
    Madame Filigran

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