Liebe


Ich habe mir sehr lange und reiflich überlegt, ob ich die formidable Rede zu den Terroranschlägen in Paris von Christian Straßburger – seines Zeichens Stadionsprecher von Rot-Weiß Oberhausen – , gehalten letzten Sonntag vor der Regionalligapartie RWO vs. Rot-Weiss Essen, kommentieren soll.

Hier die Rede im Wortlaut

Vorab: Diese Rede ist per se wunderbar. Sie ist intelligent, emotional, ergreifend und wurde zur richtigen Zeit am richtigen Ort gehalten. Dazu ziehe ich meinen Hut vor Herrn Straßburger, da er sich – soweit mir das bekannt ist – den Text im Vorfeld nicht vom Verein hat absegnen lassen. Das nenne ich couragiert. Ich glaube, jeder der sich im Stadion aufhielt, war ergriffen und verspürte zurecht eine leichte Gänsehaut. Vielleicht mit Ausnahme derer, die so unfassbar dumm waren, zwei Tage nach den Anschlägen von Paris mit Pyro und Böllern ihrem kleinen Aufmerksamkeitsdefizit im Stadion Niederrhein Rechnung tragen zu müssen. Aber das nur am Rande, über so Vollidioten muss man nicht weiter diskutieren.

Ich denke, die Hauptintention von Christian Straßburger war, denen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die die furchtbaren Attentate von Paris für ihre Zwecke instrumentalisieren. Auch dafür ziehe ich, so tief es geht, meinen Hut. Wer diese Tragödie für seine Ideologie missbraucht – vollkommen egal, um welche Art der Ideologie es sich handelt – ; wer Meinungs- oder Stimmungsmache mit Toten betreibt, der disqualifiziert sich automatisch selbst, der outet sich – sorry – als dummes und gemeingefährliches Arschloch.

Es liegt mir also eigentlich fern, Inhalte dieser Rede in irgendeiner Form zu bemängeln, mich an etwas zu stoßen. Sagen wir also, ich möchte ergänzend etwas hinzufügen.

„Hass kann Hass nicht vertreiben. Nur Liebe kann das.“

Der Kernsatz dieser Rede. Und – jein. Liebe, das ist wahrscheinlichste das höchste Gut, welches wir Menschen besitzen. Liebe macht uns zu besseren Menschen, Liebe ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt existieren. Sie lässt uns manchmal vor Freude in die Luft springen, unser Leben mit Hingabe füllen und dunkle Wolken vom Himmel unserer Seele vertreiben. Wenn wir lieben, schlafen wir abends beseelt ein und wachen am nächsten Morgen exakt mit diesem Gefühl wieder auf. Ohne Liebe ist alles nichts.

Liebe kann aber auch das genaue Gegenteil. Sie kann uns blind machen, den Tag versauen oder uns in einen Zustand der nahezu handlungsunfähigen Lethargie versetzen. Auch das kann Liebe. Aber man muss natürlich sagen, dass die positiven Auswirkungen der Liebe überwiegen. Sonst würde es uns alle nicht mehr geben.

Es gibt ein bemerkenswertes nepalesisches Sprichwort, welches da lautet:

„Wenn du deinen Feind umarmst, machst du ihn bewegungsunfähig.“

Da ist was dran, keine Frage. Das Problem ist nur, dass manche Feinde sich nicht umarmen lassen. Dass sie einfach nicht darauf aus sind, es zuzulassen. Es nie waren. Sie akzeptieren keine Umarmung, keine Verhandlung, nichts dergleichen. Und da endet dann meine Bereitschaft zu lieben. Denn ich bin nicht bereit, jeder Liebe, jedem Gefühl von Liebe blind und bedingungslos zu folgen. Vor allem dann nicht, wenn mir klar ist, dass diese Liebe nicht gut für mich ist.

Ich weiß, dieser Artikel wird mich wahrscheinlich ein paar Sympathien kosten. Einige werden ihn vielleicht auch nicht verstehen, oder das Verstandene schlicht und einfach falsch auslegen. Aber ich stehe hier und kann nicht anders. Denn ich entscheide für mich, wem ich meine Liebe zukommen lasse. Und ich lasse sie niemandem zukommen, der mit den Anschlägen von Paris auch nur entfernt in Zusammenhang steht. Niemals. Denn Liebe kann Hass meistens nicht vertreiben.

Allez les bleus.

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2 Gedanken zu “Liebe

  1. ich verstehe den in der Ansprache sich eigentlich zwangsläufig ergebenden Schluss. Die Ansprache war eindrucksvoll und gewann bald die Anmutung eine Predigt. Es ist richtig, dieses Ideal des Lebens dann auch mit “Liebe” zu vollenden. Und ich verstehe dich und finde es notwendig, wenn du einen harten Blick auf die Wirklichkeit richtest. Ist das ein Paradox, dass ich glaube, beide Stimmen sind richtig, wenn man sich entscheiden muss? Beides gehört zusammen für mich. Wenn ich beide Haltungen mit eindrücklichen Worten so klar vorgestellt bekomme, bin ich froh über beide Haltungen in der Öffentlichkeit. Kann man weiter drüber nachdenken.

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    1. CATENACCIO 07

      Nein, es ist nicht paradox. Beide Stimmen sind doch schon deshalb richtig, weil sich niemand anmaßen sollte eine von beiden zu verurteilen. Wie gesagt, ich finde diese Rede in Inhalt und Form ganz vorzüglich. Aber es wurde mir gegen Ende – Christian Straßburger möge mir das verzeihen – etwas zu sentimental. Denn in den Tagen von Paris, und auch jetzt noch, ist meine Wut eben größer als meine Liebe. Wohlgemerkt, keine geifernde Wut. Eine rationale, kontrollierte.

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