Der Nachbar


Mein Nachbar ist Schalke-Fan. Also nicht direkt bei mir im Haus, sondern im Haus gegenüber. Wir kennen uns seit rund 20 Jahren, und wir respektieren uns. Meistens. Aber jedes Mal wenn Schalke gewinnt (Gott sei Dank passiert das nicht allzu oft), hisst er nach dem Spiel eine Schalke-Fahne auf seinem Balkon, für etwa drei Tage. Nicht sehr groß, so etwa 1,5 x 1 Meter. Aber, groß genug um sie wahrzunehmen. Und jetzt mal ehrlich, wenn man morgens aus dem Haus geht, und das Erste was man zu Gesicht bekommt ist eine Schalke-Fahne, das kann einem schon mal den Tag versauen.

Ab und zu begegnen wir uns auch im Dorf, meistens in der Kneipe oder im Supermarkt. Wenn Schalke gewonnen hat, dann hat mein Nachbar immer so ein dämliches Grinsen im Gesicht. Ihr wisst schon. So in der Art, als ob ein Teletubbie eine Tüte knallbunter Gummibärchen auf der grünen Wiese gefunden hat. Wie gesagt, wir respektieren und mögen uns eigentlich. Doch in diesen Momenten, gerade dann, wenn RWE auch noch verloren hat, würde ich ihm am liebsten einen Spaten quer durch das Gesicht ziehen. Könnte allerdings eng werden. Er misst ebenfalls knapp zwei Meter.

Seine Freundin ist, man mag es kaum glauben, Fan von Borussia Mönchengladbach. Dagegen hatte und habe ich nichts einzuwenden, Gladbach ist ja schon irgendwie sympathisch. Die 2. Mannschaft mal ausgenommen. Jedenfalls, immer wenn ich sie – halb im Scherz, oder unter Alkoholeinfluss, meistens – frage, wie sie es erträgt seit mehr als zehn Jahren mit einem dummen und erbärmlichen merkwürdigen und langweiligen Schalker zusammen zu sein, ist die Reaktion immer nur ein leichtes Achselzucken. Oder eine Antwort à la „Es hat sich halt irgendwann so ergeben“. Eines weiß ich genau: Eine erfüllte und befriedigte Frau redet anders. Ganz anders. Ganz sicher.

Ich war auch schon einige Male bei meinem Nachbarn zum Grillen eingeladen. Jetzt unabhängig von Spieltag, Sieg oder Niederlage. Wie ich ja bereits erwähnte… also meistens. Natürlich kam mir dann schon mal die Idee – nach einem Schalke-Sieg und einigen Alkoholika – die Schalke-Fahne ihrer gerechten und endgültigen Bestimmung zuzuführen. Sie könnte ja rein zufällig vom Balkon gefallen, von einer heftigen Sturmböe erfasst worden sein, oder ein unachtsamer Gast – sowas soll es durchaus geben – hat seine Zigarette aus Versehen etwas zu lang an den leicht entflammbaren Stoff gehalten. Jedoch wurde aus diesen kriegstreiberischen Plänen nichts, da ich immer, wenn ich zum Rauchen auf den Balkon ging, ein aufmerksames Augenpaar in meinem Nacken spürte. Bereit, in weniger als zwei Sekunden eine Strecke von etwa fünf Metern zurückzulegen (bei beträchtlichem Gewicht), um den Nahostkonflikt zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten im Vergleich dazu wie einen friedlichen Kindergarten aussehen zu lassen. Ich war, trotz meiner Ausbildung und Erfahrungen bei der Luftwaffe, noch nicht bereit für den vernichtenden Erstschlag. Und vor allem – den damit zusammenhängenden Kollateralschäden.

Einmal konnte ich ihn sogar überreden mit mir zur Hafenstraße zu gehen. Damals, im alten Georg-Melches-Stadion in der Saison 2010/2011, als die jungen Wilden um Timo Brauer, Alexander Thamm und Co. nach Insolvenz und Zwangsabstieg die NRW-Liga aufmischten. Ich meinte an dem Abend, während des Spiels (ich glaube, es war ein Flutlichtspiel gegen Westfalia Herne) in seinen Augen so etwas wie Verblüffung, wenn nicht sogar einen flüchtigen Anflug von Begeisterung erkannt zu haben. Natürlich hat er dies nie geäußert, weder damals noch irgendwann danach. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihm gefallen hat. Eine Gegeneinladung zum Besuch eines Schalke-Spiels wenig später musste ich aus gesundheitlichen Gründen (schwere Männergrippe) leider absagen. Auch bei einer Biathlon-Veranstaltung in der Veltins-Arena zwei Jahre später war ich traurigerweise schon wieder gesundheitlich angeschlagen. Aber ich tröste mich heute damit, an diesem unheiligen Ort – erstaunlicherweise vollkommen gesund – 2003 Bruce Springsteen und die E Street Band gesehen zu haben. Das reicht doch auch wirklich, mit dem Groundhopping nach Gelsenkirchen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Denkt bestimmt auch mein Nachbar.

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3 Gedanken zu “Der Nachbar

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