Die schöne neue Welt des Ralf Jäger

Link: Alkoholverbot beim Spiel der 1. DFB-Pokal-Hauptrunde, Rot-Weiss Essen vs Fortuna Düsseldorf

Vorab: Ich bin kein Alkoholiker. Eher ein Gelegenheitstrinker. Ich breche im Stadion nicht von Krämpfen geschüttelt zusammen, wenn ich bis zur 37. Spielminute noch kein Bier hatte. Aber – ein Bier (oder zwei, drei, fünf, das entscheidet jeder für sich selbst) gehört zum Fußball einfach dazu. Zumindest für mich, und für viele andere.

Was nun die staatlichen Entscheidungsträger dazu bewogen hat, für oben erwähntes Pokalspiel ein Alkoholverbot im Stadion Essen zu verhängen (der Vorgang ist zur Zeit übrigens noch in der Schwebe, der Verein Rot-Weiss Essen kämpft zurecht dagegen an), nun ja. In der Vergangenheit gab es schon das ein oder andere Mal das ein oder andere Konfliktpotential, wenn es zum alten Westschlager der beiden Clubs kam. Weiß jeder, ist bekannt, soweit so gut. Aber, und ich richte diese Frage explizit an den Innenminister (damit oberster Dienstherr der Polizei) des Landes NRW, Herrn Ralf Jäger: Was zur Hölle glauben Sie, erreichen Sie mit einem Verbot? Herr Jäger, ich habe zu dieser unsäglichen Entscheidung ein paar Einwürfe.

  1. Ich gehe mal davon aus, dass etwa 3% aller Stadionbesucher – in jedem Stadion – Knallköppe sind, die mit dem Genuss von Alkohol nicht umgehen können. Das sind die berühmten 3%, die das auch in der Kneipe, im Kino, auf einem Konzert und selbst zuhause nicht können. Die gab es, die gibt es, die wird es immer geben. Aber, Herr Jäger, haben Sie auch schon mal an die große Mehrheit gedacht? Damit meine ich die 97%, die das sehr wohl können. Für die der Alkoholgenuss bei Sportveranstaltungen, Konzerten, Events etc. ganz einfach dazu gehört. Und die, wie bereits gesagt, damit umgehen können. Dazu eine andere Frage: Waren Sie mal auf einem Konzert der Rolling Stones (wahlweise AC/DC, Oasis, Depeche Mode, Helene Fischer, was immer Sie ganz gerne hören)? Und jetzt die gemeingefährliche Anschlussfrage: Haben Sie da ein Bier getrunken, oder jemand in Ihrer Begleitung? Wurde danach aufs Übelste randaliert? Etwa von Ihnen? Und seien Sie bitte ehrlich.
  2. Eigentlich ein Unterpunkt zu 1. Ich habe es satt! Ich bin es leid, reguliert und drangsaliert zu werden. In einen Topf geworfen zu werden mit den 3%. Herr Jäger, können Sie eigentlich gut mit Ihrer Kollegin im Düsseldorfer Kabinett, Gesundheitsministerin Barbara Steffens? Sie wissen schon, Ihre Verbündete im Geiste. Der Dame habe ich es unter anderem zu verdanken, dass ich mittlerweile in der Eckkneipe meiner langjährigen Wahl als Gesetzloser dastehe, wenn ich es wage mir eine Zigarette anzuzünden. In einer Eckkneipe, Herr Jäger. Nicht in einem Restaurant. Dort rauche ich nicht, will es gar nicht. Wissen Sie, ich bin ein großer Freund der freien Selbstbestimmung, ich muss mein Leben, meine Entscheidungen nicht vom Staat regulieren lassen. Hier können Sie schlauer werden. Wenn ich möchte, dass mir der Staat meine Entscheidungen abnimmt, dann ziehe ich nach Nordkorea. Manchmal denke ich, einige Politiker wären dort in einer leitenden Funktionen unter Kim Jong-un sehr gut aufgehoben. Besser als hier.
  3. Herr Jäger, ist Ihnen schon aufgefallen, dass sich etwaige Konfrontationen zwischen Fangruppen in der Regel schon lange nicht mehr im Stadion abspielen, sondern auf den Zu- und Abfahrtswegen? Was kommt also als Nächstes? Legen Sie einen Sicherheitsring um das zu bespielende Stadion fest (ich schlage einen Radius von etwa 25 Kilometern vor), in dem jeweils 2 Stunden vor und nach dem Spiel kein Alkohol verkauft oder ausgeschenkt werden darf? Jäger! Wenn sich Idioten kloppen wollen, dann werden die das tun. Daran ändern Sie nichts, indem Sie ein gepflegtes Bier im Stadion verbieten. Da gibt es andere Formen der Präventivmaßnahmen. Ich gehen aber nicht davon aus, dass Sie sich mit wirklich sinnvollen Dingen beschäftigen. Falls doch, dann bekomme ich es nicht mit. Und davon ab; wer weiß, dass es im Stadion kein Bier gibt, der glüht eben vor. Glauben Sie mir, der Durchschnittspegel der Zuschauer wird bei diesem Spiel nicht wirklich niedriger sein.
  4. Was mich außerordentlich erstaunt: Bei einer anderen Paarung der 1. Hauptrunde, MSV Duisburg vs FC Schalke 04, ist meines Wissens kein Alkoholverbot geplant. Dabei findet dieses Spiel am Samstag statt, nicht wie RWE vs F95 am Sonntag. Meine langjährige Erfahrung sagt mir, dass an einem Samstag der Alkoholkonsum deutlich höher anzusiedeln ist als an einem Sonntag (verfügen Sie persönlich eigentlich auch über Erfahrungswerte?). Dazu schätze ich die Brisanz dieser Begegnung ähnlich hoch ein. Könnte das, Herr Jäger, eventuell etwas damit zu tun haben, dass Sie aus Duisburg kommen und dem MSV wohlgesonnen sind? Immerhin waren Sie mal im Aufsichtsrat des MSV tätig, und haben für den Verein Ihres Herzens auch in der Jugend gespielt. Vielleicht möchten Sie und Ihre Freunde/Parteigenossen/Lobbyisten ja einfach nur während des Spiels ein frisch gezapftes Pilsener genießen. Selbstverständlich mit einem Alkoholgehalt von 4,9%. Wer weiß das schon.

Und noch was, Herr Jäger. Vielleicht ist dieser Text an einigen Stellen etwas populistisch. Aber mit Sicherheit nicht annähernd so populistisch wie Sie es sind, in Ihrem langjährigen Wirken als Innenminister des Landes NRW. Die 3% habe ich geschätzt, vielleicht sind es auch 1,3% oder 3,7%. Letztendlich spielt das keine Rolle, wenn die überwältigende Mehrheit von Ihnen in eine unwürdige Sippenhaft genommen wird. Und, glauben Sie mir bitte Folgendes – ich werde nächsten Sonntag während des Spiels ein alkoholhaltiges Getränk zu mir nehmen. Und es genießen. Warum? Ganz einfach, weil ich es möchte. Ich kriege das auf die Reihe. Mir ist es vollkommen egal, wie Sie und Gleichgesinnte mit Ihrer Verbotskultur darüber denken. Ich bin ein freier Mensch in einem – noch – freien Land.

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2 Gedanken zu “Die schöne neue Welt des Ralf Jäger

  1. Obwohl ich im Stadion (und auch im Zusammenhang mit dem Spiel nicht, also weder vorher, nachher noch sonstwie) kein Bier trinke und es mir demnach völlig egal sein könnte, kann ich es auch absolut nicht nachvollziehen. Aber Herr Jäger hat ja auch vorletztes Jahr beim Spiel gegen den MSV eindrucksvoll bewiesen, über welches Fingerspitzengefühl er verfügt – Stichwort hundert Polizisten vor der Tribüne wegen 10 Idioten.

    Wie immer sehr gut geschrieben!

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