Leben im Exil

Sicher ist den meisten Essenern noch der Post eines jungen RWE-Fans aus Köln in Erinnerung, der letzte Woche an der Facebook-Seite von Rot-Weiss Essen klebte und von dort aus seine Bahnen durch’s soziale Netzwerk zog. Auf den Vorschlag hin, ob er nicht einen kleinen Gastbeitrag für meinen merkwürdigen Blog schreiben möchte, kam merkwürdigerweise tatsächlich eine Antwort. Zwar nicht klein, aber wirklich lesenswert. Viel Spaß.


Lacht er über mich? Lacht er aus Mitleid? Oder hält er meine Antwort schlicht und ergreifend für einen Witz? Dieser Gedankengang ist mitunter der Erste der sich bei mir einstellt, kurz nachdem ich mit einer mir bis dato unbekannten Person auf das Thema Fußball zu sprechen komme. Was für die Frau die Lieblingsserie um 20:15 auf Sixx ist, dass ist für den Mann sein Fußballverein. Treffen sich also zwei Träger der XY-Chromosomen, so dreht sich das Gespräch bald um den populärsten Volkssport der Welt. Schnell entwickelt sich aus dem schnöden Smalltalk eine leidenschaftliche Diskussion und so erreicht man schnell den „Point of no return“, den Punkt an dem es kein Zurück mehr gibt. „Sag‘ mal, von welchem Verein bist du denn eigentlich Fan?“ heißt es dann. Von nun an gibt es verschiedenste Möglichkeiten, wie sich der Gesprächsverlauf entwickeln könnte. Es gibt jene, die sind Fans von großen Rivalen wie Gladbach, Leverkusen oder Düsseldorf. Auch die Bayern oder Herne-West zählen zu dieser Kategorie. Das Gespräch erledigt sich dann ziemlich schnell mit einem geschwungenem „Sieh zo dat de fott küss“. Dann gibt es solche, die sind Fans von St.Pauli, Berlin oder Dortmund. Sie sind als Gesprächspartner erwünscht, so lange wie sie im Zwei-Minutentakt erwähnen wie „toll die Stimmung in der Südkurve ist“. Dass man hoffe, dass „dieser jecke Club endlich wieder zu alter Stärke findet“ und dass es eine Schande sei, dass „dem Lukas Podolski singe Jung“ noch immer kein anerkannter Vorname ist. Das Gespräch verläuft in heiterer Atmosphäre weiter. Fans von kleineren Teams wie Hannover, Freiburg und Augsburg werden höflich behandelt und akzeptiert, es wird einem aber unterschwellig klargemacht, dass man eher eine Dokumentation über das Reservat des mitteleuropäischen Murmeltieres schauen würde, als sich über einen solch unbedeutenden Club zu unterhalten. Alles in allem ist der kölsche Fußballfan aber durchaus tolerant und lustig. Außerdem mischt er sich normalerweise nicht in die Belange anderer Vereine ein. Leeve und leeve losse eben.
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Es sei denn, man ist Fan von Rot-Weiss Essen. Laut dem von Hjörstjö entwickeltem „Facial Action Coding System“ ist der Mensch in der Lage, ca. 10.000 verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten durch seine 22 mimischen Gesichtsmuskeln zu zeigen. „Outet“ man sich als RWE-Fan, sieht man gefühlt alle. In weniger als drei Sekunden. Die Palette reicht von A wie amüsiert bis Z wie zynisch. „Essen Fan? Der da?“. Die Ungläubigkeit ist vielen ins Gesicht geschrieben. Ist der Anfangsschock überwunden, tritt der eingehend erwähnte Zustand ein. Der Gegenüber fängt zu lachen an. Für den Laien ist oft nicht sichtbar wieso der Gesprächspartner in lautes Gelächter ausbricht. Hält er die Antwort für einen Witz, eine gut getimte Pointe? Macht er sich lustig über den Fußballclub aus dem Herzen des Westens? Oder ist das kehlige Lachen nur Ausdruck seiner Ungläubigkeit? In der Evolution des Köln-Fans muss es einen Punkt gegeben haben, an dem sich das Intervenieren beim Thema Rot-Weiss Essen tief in die DNA eingefräßt hat. „Fan“ in Verbindung mit dem Schlagwort „RWE“ löst scheinbar einen chemischen Prozess aus, der es dem Kölner verbietet seine angenehme, tolerante Art beizubehalten. Dinge wie „Ruhrpottkanaken“ gehören normalerweise zur Ausnahme und stören mich auch nicht sonderlich. Was mir viel mehr auf den Sack geht ist die unglaubliche Kreativlosigkeit, die an den Tag gelegt wird. Sätze wie „RWE? Du bist also Fan eines Stromkonzerns“ sind in etwa so lustig wie ein Wadenkrampf auf dem Lokus. Ich meine, Hallo? Das ist alles? Dass dieser ständig kursierende Witz auch noch mit frenetischem Gelächter anderer FC-Fans quittiert wird, lässt mich den Glauben an meine Mitmenschen verlieren. Vom RWE-Anhang kann man denken was man will; für solch einen schlechten Gag würde man allerdings des Stehplatzes verwiesen werden. In Essen brüllt man den Gästefans aus Wuppertal beispielsweise gerne Sätze zu wie „Euch scheißen wa auch noch inne Schwebebahn“. Läuft es mal wieder schlecht, dann erschallt der Gassenhauer „Heimsieg ist nur einmal im Jahr“ und bei uns hat sogar eine Kartoffel mehr Fans als der Cheftrainer. Intellektuell mag das nicht wirklich feingeistig rüberkommen, ist aber viel geiler und lustiger als so eine Armseligkeit von Witz.
Genau so oft wie diesen unterirdisch schlechten Witz, bekomme ich die Frage, wieso ich denn überhaupt RWE-Fan sei zu hören. Um ganz ehrlich zu sein: Ich weiß es selbst nicht. Großen Anteil daran, dass ich heute auf der West stehe hat definitiv mein Vater. Meiner Mutter zu Liebe zog er nach Köln, wo ich auch geboren wurde. Zwischen all den Geißbock-Anhängern schaffte er es trotzdem, mich mit dem Rot-Weiss-Virus zu infizieren. Ein Umstand, für den ich ihn manchmal verfluchen könnte, ihm aber trotzdem unendlich dankbar bin. Und trotzdem frage auch ich mich manchmal, wieso ich Mitglied bin in einem Verein bin, der mir in regelmäßigen Abständen auf gut Deutsch gesagt „eins auf die Fresse gibt“. Ich weiß nicht, wieso ich eine Dauerkarte habe bei einem Verein, der in den hiesigen Zeitungen meistens nur Erwähnung findet durch Doping oder Wettskandale. In meiner Zeit als Essen-Fan habe ich drei Abstiege mitgemacht. Eine Insolvenz gehörte auch dazu. Im Gegensatz zu meinem Vater kenne ich nicht mehr die Zeiten, in denen man sich mit Borussia Dortmund maß, den FC Meineid schlug oder das Pokalfinale in Berlin erreichte. Ich erinnere mich vielmehr an 5:0 Niederlagen gegen den VFB Hüls, an Pokalschlappen gegen den ETB und Auswärtsspiele an einem Mittwochabend bei Leverkusens Amateuren. Und trotzdem fühle ich mich immer wieder hingezogen zu diesem Verein, mit jeder Niederlage scheine ich den Verein mehr zu lieben und auch wenn ich in meinen jungen Jahren noch ein Leben voller Wendungen und Zufällen vor mir habe, weiß ich, dass es für mich nie einen anderen Verein geben wird als RWE. Ich schätze Vereinsliebe rational zu erklären zu wollen ist nicht möglich, um also diese Frage beantworten zu können bediene ich mich einem berühmten Zitat von Nick Hornby: „Du suchst dir deinen Verein nicht aus. Dein Verein sucht sich dich aus.“
Der Spott als Preis dafür ist ständiger Begleiter meines Lebensweges. Versemmel‘ ich im Training mal so ’ne richtig dicke Chance heißt es immer: „Versuch’s doch mal bei deinem RWE, die suchen welche wie dich“, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass RWE ligatechnisch meinem Club näher ist als dem FC. Gebe ich in der Schule eine falsche Antwort, höre ich von nicht wenigen Lehrern oftmals ein ironisches „Ach, lernt man das in Essen so?“. Natürlich werde ich auch in meinem Freundeskreis zu Genüge daran erinnert, wie schlecht der Club meines Herzens doch sei. Aber verstehen sie mich nicht falsch, das hier soll kein Jammern und Wehklagen sein. Ich habe mich über die Jahre an all die Frotzeleien gewöhnt und bin manchmal sogar froh, dass es sie gibt. Sie zeigen mir, dass – egal wie scheiße es manchmal auch läuft – ich den Club trotzdem immer verteidigen und lieben werde, so schwer es mir manchmal auch fällt. Und wenn mir die Späße meiner Freunde irgendwann zu sehr auf den Sack gehen, dann gehe ich auf YouTube, schaue mir den 5:0 Sieg von  (wohlgemerkt, an einem Karnevalssonntag!) an, friere das Bild in dem Moment ein, wo Christoph Daum konsterniert auf seiner Trainerbank sitzt (6:29) und denke mir „Meine Fresse, ist das ein Karnevalsverein“.
So anders die kölsche Mentalität auch ist, eine Sache können sogar wir lernen: Et es wie et es. Et kütt wie et kütt. Et hätt noch immer joot jejange. Nur der RWE & Glückauf.
Erlebt, teilweise erlitten und aufgeschrieben von Nick Kluge, Köln
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