Gijón ’82


War doch eine nette WM bisher. Ich hatte mir zwar im Vorfeld vorgenommen, sie aus bekannten Gründen möglichst distanziert und pragmatisch zu betrachten, aber natürlich verschwinden solch gute Vorsätze im Laufe des Turniers. Oder minimalisieren sich. Es ist halt Fußball, und Fußball ist geil und schön. Auch, wenn nicht RWE draufsteht. Man lässt sich eben mitreißen, natürlich nach Möglichkeit ohne jede Anfälle von Schland und Fähnchen-Patriotismus. Costa Rica, Chile, Columbia, Chapeau.

Deswegen sah ich das 4:0 gegen Portugal auch mit einer gewissen Euphorie und Glückseligkeit. Thomas Müller ist jetzt nicht unbedingt der Typ, mit dem ich in der Kneipe meines Vertrauens ein paar Bier dreschen möchte. Aber auf dem Platz, das erkenne ich neidlos an, hat der einfach was. Was nicht viele haben. Ist mir dann auch egal, ob der Kollege für Bayern, Dortmund oder sonstwen spielt. Als Fan eines Regionalligisten ist mir vollkommen wurscht, wo ein Herr Nationalspieler seine 3 Schnitzel am Tag verdient.

Ansonsten gab es die üblichen Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern wie bei jeder WM, weil die FIFA ja darauf beharrt, aus jedem noch so kleinen und merkwürdigen Mitgliedsland Pfeifen zu rekrutieren. Kein Vorwurf an diese Schiris an sich, aber einen Japaner ein WM-Eröffnungsspiel leiten zu lassen, mit dem Gastgeber Brasilien in emotional aufgeheizter Atmosphäre, das grenzt schon etwas an Realsatire. Lustig ist das Freistoß-Spray, die originellste Idee seit Erfindung der Flip Flops. Das Spray verschwindet allerdings nach einiger Zeit, Flip Flops an den Füßen schöner Frauen leider nicht. Übrigens darf jeder Schiedsrichter ungebrauchte Dosen mit nach Hause nehmen. Vielleicht markiert er dann zu Hause eine Stelle kurz vorm Schlafzimmer – „Mit Flip Flops bis hierhin Schatz, keinen Meter weiter“.

Sehr schade das frühe Ausscheiden von Teams wie England, Spanien und Italien. Das sind einfach Mannschaften, die man zumindest im Viertelfinale einer WM sehen möchte. Gut, England arbeitet jetzt seit Jahrzehnten mit seiner unattraktiven Spielweise daran, dass man diese Meinung demnächst mal revidiert. Was überhaupt nicht angebracht ist, ist Häme gegenüber den Spaniern und ihrem Spielstil. La Roja hat über 6 Jahre den Fußball weltweit beherrscht, ästhetisch wie wohl niemand zuvor. Danke dafür. Andrea Pirlo wird mir fehlen, beim nächsten Turnier. Genial und unantastbar, ein Karajan des Fußballs. Leider sind die Wohnwagen-Trolle aus dem Land der Muschelschubser noch dabei. Wer einen so erstklassigen Schauspieler Fußballer wie Arjen Robben in seinen Reihen hat, dem ist wohl auch das Finale zuzutrauen.

So, heute Abend dann #GERALG (übrigens nicht verwandt mit #GERALD Asamoah), ich freue mich darauf. Und das hat einen ganz wunderbaren Grund. Sollte Deutschland gewinnen, prima. Ich bin zwar kein Schlandiger, aber eben doch gebürtiger Deutscher. Darauf heute Abend eine Flasche spanischen Rotwein beim Spiel. Und Tapas. Sollte aber das Unerwartete geschehen, und Algerien kommt weiter…dann kann ich mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Ich war ein kleiner Hosenscheißer, als Algerien bei der WM 1982 in Spanien Deutschland mit 2:1 schlug, und nur deswegen nicht ins Achtelfinale kam, weil Deutsche und Österreicher im abschließenden Vorrundenspiel ein absurdes Monstrum erschufen, welches heute noch ein Begriff des Grauens ist – Die Schande von Gijón. Ich war 9, und ich schämte mich. Also, Les Fennecs, solltet ihr das Wunder tatsächlich schaffen, ich entkorke eine zweite Flasche Rioja. Denn noch immer – und für alle Zeiten – gilt das alte Motto der Klingonen:

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.

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