Im Bett mit der Ex

Natürlich kann man als Fußballfan nur einen Verein haben. Beziehungsweise anbeten. Und seinen Verein wechseln, wie eine Frau, den Lieblingsburger oder ab und zu mal die Socken, das geht natürlich gar nicht und wird von der breiten Masse als Dummheit, Hochverrat oder schlimmstenfalls Gotteslästerung abgetan.

Nun gut, ich bin dumm, ein Verräter und der Mann da oben…nun ja. Ich war Fan vom ETB. Schwarz-Weiß Essen. Lackschuhverein. Die arroganten Schnösel aus dem noch arroganteren Essener Süden. Warum? Mein Vater ist, mein Großvater war Schwarz-Weißer, und im zarten Alter von, sagen wir 6 oder 7, begann meine Zeit als Sidekick meines Vaters am Uhlenkrug. Zur sowieso verpuffenden Ehrenrettung – wir standen, auf der Gegengeraden. Mein Interesse am Fußball war zu dieser Zeit eher marginal, aber am Uhlenkrug war es nett und urig. Die Wurst war lecker, es war faszinierend erwachsene Männer fluchen zu hören und irgendwie gefiel mir das ganze Paket. An- und Abreise (Kettwig ist ja nahe, zum Stadtwald sind es gerade mal 15 Minuten), das Stadion an sich und die Atmosphäre. Ja, die Atmosphäre. Die gibt es nämlich auch bei vergleichsweise wenig Zuschauern, auch wenn einige Kleingeister die Atmo an der Besucherzahl festmachen. Oder an brüllenden Besoffenen, die mehr sich selbst feiern als ihren Verein. Alles war also gut, ich war der wohl zufriedenste 6- oder 7-jährige auf der ganzen Welt, zumindest aber des Essener Südens. Oder halt nur aus Kettwig.

Bis, ja bis mein Vater einen alles entscheidenden Fehler machte. Anno 1980. Rot-Weiss Essen gegen den Karlsruher SC, Rückspiel der Relegation zur Bundesliga. War das Gefühl beim ETB wie verschärftes Petting, so erlebte ich jetzt meinen ersten Koitus. Mit mickrigen acht Jahren. 25.000 Zuschauer, die vollkommen ausrasteten, als es nach einem 1:5 im Hinspiel kurz vor Schluss 3:0 für den RWE stand. Leider kassierte Essen – wir!? – noch das entscheidende Genickbruch-Tor, und die ganze Sache endete traumatisch. Für mich, meinen Vater und für viele andere. Aber auch prägend, denn ich wechselte an diesem Tag den Verein, wurde Rot-Weisser und war für lange, lange Jahre nicht mehr beim ETB. Ich bin also, ganz offiziell in der eigenen Autobiographie vermerkt, ein Erfolgsfan (man kann Erfolg auch in einem kleinen Maßstab definieren), welcher seinen Verein verlassen und die Farben gewechselt hat. Entschuldigend kann ich nur mein Alter anführen, und die Tatsache dass ich die Farbe Rot schon immer mochte. Und dass alles in der Stadt blieb.

Aber ein kleines Geheimnis habe ich. Einmal im Jahr, meistens mitten in der Saison und wenn es keiner merkt, fahre ich zum schönen Uhlenkrug und sehe mir ein ETB-Spiel an. Ab und zu ist verschärftes Petting halt doch schöner als ein Koitus. Wenn man es kann.

Update zum Lokalderby am 22. Juli 2015

Photo © ETB

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